Uraufführung am Landestheater Niederbayern
Der Brandner Kaspar und der Boandlkramer sind offensichtlich Lieblingsfiguren des bayerischen Publikums. Sei es im Theater oder im Kino. Bully Herbig hat das erkannt und mit seinen beiden Filmen zum Boandlkramer die Figur noch bekannter gemacht und sich selbst einen Riesenerfolg auf der Leinwand beschert.
Erfolgsserie am Landestheater
Dem Landestheater Niederbayern ebenso. Das Schauspiel „Der Brandner Kaspar und das ewig Leben von Kurt Wilhelm und Franz von Kobell“ lief von der Spielzeit 2007/2008 bis zur Spielzeit 2009/2010 am Landestheater insgesamt 86 Mal und hatte rund 24 000 Besucher. Das Originalstück war der Ausgangspunkt der Trilogie. Oberspielleiter und Schauspieler Wolfgang Bauer schrieb Teil 2 („Der Brandner Kaspar kehrt zurück“) , der auch bei den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel und in der Komödie am Bayerischen Hof in München erfolgreich aufgeführt wurde, und Teil 3 mit dem Untertitel „Ein Volksstück“.
„Der Brandner Kaspar und der Boandlkramer-Kongress“
„Der Brandner Kaspar und der Boandlkramer-Kongress“ hatte gestern seine Uraufführung in Passau. Bauer, der 2025 seinen ersten Roman „Kaltblut“ veröffentlicht hat und seit Jahrzehnten als Regisseur, Autor, Theater- und Filmschauspieler in unzähligen Serien bekannt ist, präsentiert sich nicht nur verantwortlich als Autor, Regisseur und Szenograf, sondern auch als Hauptdarsteller. Dass man den bekannten Schauspieler nicht nur hinter den Kulissen, sondern auf der Bühne des Landestheaters sehen kann, war für viele Besucher des ausverkauften Stadttheaters in Passau ein Highlight. Viel Bravo und stehende Ovationen gab es für ihn und das gesamte Team am Schluss. Die Rolle des hinterfotzigen Schlossers, der den Tod beim Kartln betrügt und ihn zum Kerschgeist verführt, füllt er bestens aus und das alles mit bayerischer Gelassenheit und unter dem Pantoffel seiner Frau stehend.
Freilich: Die Anhäufung von Verantwortlichkeiten in einem Stück ist doch zu viel. Denn: Wo der Regisseur und Dramaturg hätte kürzen sollen, hängt der Autor verständlicherweise an jedem Wort und auch an der sehr retardierenden Szene im Fegefeuer. So mancher moralisierende Dialog ist zu lang geraten.
Das Geschehen auf der Bühne weiß der alte Theaterhase indes gut zu lenken. Viel Bewegung durch den Boandlkramer mit seinem Karren und dem putzigen Pferd (Statist Heinrich Wannisch), den Auf- und Abtritten der Todesboten, die sich zum Kongress versammeln und eine Gewerkschaft gründen. Eine geschickte Finte des Autors Bauer, das Geschehen in die Gegenwart zu holen, ebenso die Nebenhandlung um die aufmüpfigen Engerl, die eine Revolution im bayerischen Paradies anzetteln wollen.
Der Tod als Typenkomödie

Als witzige Typenkomödie gestalten sich die Auftritte der Todesboten aus aller Welt – weil die Engerl die Einladungen zum Boandlkramer-Prozess verloren haben. Da kommt der Schweizer Sensenmann, ausgestattet wie ein Bergmann mit Kraxe am Rücken Sicherheitshelm am Kopf (Paul Kaiser), Sicherheitshelm und gibt sich als neutraler Vermittler, der Tod aus Schwaben ist ein eleganter Herr in Frack und Zylinder (Reinhard Peer), der aus Ostfriedland kommt im Ostfriesennerz mit Rudern – und zu spät (ebenfalls Reinhard Peer), der Tod aus Sachsen (Julian Ricker) ist ein Pragmatischer, der die Wiedervereinigung bereut und mit Sackkarre seinen Toten befördert. Die schillerndste Figur ist die Herrscherin der Unterwelt aus Mexiko: La Santa Muerte (Nikola Norgauer) ist die lockende Verführerin, die sich gerne dem Genuss hingibt. Sie trägt ein markantes, schwarz-buntes Kostüm, wie es von einem Bild der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo stammen könnte (Kostüme: Ines Schmiedt).
Der Boandl – kein selbstbewusster Tod
Ja – und dann ist da der Boandlkramer aus Bayern, besetzt mit der Schauspielerin Antonia Reidel. Eine interessante Besetzung, obgleich nicht die erste als Frau. Ihr Boandlkramer ist kein selbstbewusster Tod wie die anderen. Er ist Alkoholiker, muss buckeln, knien und betteln, bringt „falsche“ Leichen und muss mit lispelnder, hoher, sich überschlagender Stimme, sehr schnell und auch öfters mit dem Rücken zum Publikum sprechen. Nicht alles ist zu verstehen. Bewundernswert, wie die fahl geschminkte Schauspielerin immer ganz in ihrer Rolle des verhuschten, von einem Bein aufs andere tretenden Boandlkramers ist, auch wenn sie „nur zuschaut“.

Das Himmelspersonal ist gut aufgestellt: Als erste ist Theres zu nennen, Katharina Elisabeth Kram gibt sie als resolute und charmante Frau des Brandner Kaspars, die am Ende in ihrem Brautkleid vor 96 Jahren auftritt. Es entspricht der heutigen Brautmode – und holt damit das Stück in die Gegenwart.
Joachim Vollrath ist ein solider Portner, der gerne feiert und sich am Ende doch den neuen Ideen seiner Engerl offen zeigt. Diese (Katharina Schmirl, Katharina Elisabeth Kram, Korbinian Greindl) werden als süße freche Putti dargestellt. Herrlich wie die beiden den Portner anbeten und eine Formation mit abgewinkeltem Bein bilden, wie sie in vielen Kirchen zu sehen ist. Es sind oft Kleinigkeiten an dieser Inszenierung, die erfreuen. Da zeigt sich Wolfgang Maria Bauer als Meister seines Fachs.
Ebenso bei dem sehr funktionellen Bühnenbild: ein Bühnenhaus mit drei Spielebenen, das auch vertikale Bewegung möglich macht und gut genutzt wird.
Wolfgang Maria Bauer verabschiedet sich

Am Ende gibt es einen skurrilen Totentanz mit einem Schluss wie in einer Operette mit zwei Hochzeitspaaren: der Boandl hat sich in La Santa Muerte verliebt und der Brandner feiert mit seiner Frau Hochzeitstag.
Wolfgang Maria Bauer verabschiedet sich mit diesem Volksstück vom Landestheater Niederbayern; sein Vertrag als Oberspielleiter wurde von der neuen Intendanz nicht verlängert.
Weitere Vorstellungen:
Landshut
9., 18. Januar, 6. April, 24. Mai
Tickets: Tel. 0871/922 08 33
Passau
- Januar, 22., 27., 28. März, 12. April, 6., 7. Juni
Tickets: Tel. 0851 / 929 19 13
Straubing
- März
Tickets: Tel. 09421 / 944 69 199