Stefan Tilchs Revue „Azzurrotre“ am Landestheater Niederbayern
Schon Goethe schwärmte von dem Land, wo die Zitronen blühen, viele seiner Nachfolger ebenso. Italien ist das Sehnsuchtsland der Deutschen auch noch 200 Jahre später. Das liegt nicht an der Sonne im Sommer, von der wir heutzutage auch satt haben. Es liegt am italienischen Lebensgefühl, das aus Leichtigkeit, Leidenschaft und Musik besteht. Auch wenn sich der italienische Schlager vom deutschen inhaltlich kaum unterscheidet, so klingt doch der italienische wie ein erotisches Versprechen . . . zumal, wenn Adriano Celentano oder Gianna Nannini ihn singen.
Intendant Stefan Tilch hat diese Emotion bereits bei seiner ersten Italo-Pop-Revue erfolgreich in Form gegossen, bei der zweiten fortgesetzt und serviert nun mit leichter Hand die dritte: „Azzurrotre – Frauke packt aus!“ hatte am Freitagabend im Fürstbischöflichen Opernhaus in Passauer Premiere. Wo sonst Rossini, Verdi und Puccini und ihren Interpreten gehuldigt wird, wurde dieses Mal u. a. über Lucio Dalla, Pippo Polina, Eros Ramazzotti, Paulo Conte, Gianna Nannini und Giorgio Moroder – um nur die bekanntesten zu nennen – und ihre Interpreten gejubelt.
Tilch hat die Revue mit der italienisch-deutschen Popband I Dolci Signori entwickelt und die Story wieder rund um die Lieder gebaut. Es ist dieses Mal eine Art Roadmovie geworden. Das Paar, der Italiener Rocky und die Deutsche Frauke, lebt bei ihren Eltern in Gelsenkirchen, hat wenig Geld und viel Zoff und reist mit der Bahn gen Süden; er nach Bibione zu einem Songcontest; sie nach Straßburg zu einer Therapeutin, um ihre Mondsucht zu kurieren und um ihre Erfindung einer Kältepumpe patentieren zu lassen. Beide erleben Abenteuer, haben Sehnsucht nacheinander und können, wie die Königskinder, zueinander nicht kommen. Trotz Handy.
Die Geschichte ist flüssig erzählt: Running Gag ist die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn. Tilch baut zudem viele charmante Anspielungen auf deutsche und italienische Marotten und Klischees ein, die in ihrer Überspitzung natürlich Lacher generieren. Die Revue ist komödiantisch. Warum die Bibione-Besucherin aus Gelsenkirchen als Prototyp des deutschen Touristen an der Rampe liegen muss und von den hinteren Reihen nicht zu sehen ist, bleibt allerdings rätselhaft.
Die Story lebt von der Musik und den vielen unterhaltsamen Figuren, die eingeführt werden. 21 italienische Titel erklingen, z. B. „Non succederà piú“, „Il treno va“, „Tirantella di Luna“ „Amada mia, amore mio“, „Azzurro“, „Il mondo“, „Più bella cosa“, „America“ und „Ti amo“, um nur die bekanntesten zu nennen.

Garanten für das italienische Lebensgefühl und die hervorragende Stimmung in Passau sind die beiden Italiener Rocky Verardo (Rocky) und Arcangelo Vigneri. Er spielt Rockys Freund Gianni und ist neu in dieser Formation. Vigneri spielte z. B. im Musical „Tarzan“ in Hamburg die Erstbesetzung als Terk. Bei den Vereinigten Bühnen Wien stand er als Erkan in „Sister Act“ auf der Bühne und war auch bei „Jesus Christ Superstar“ als „Annas“ zu erleben. Im TV war er in der ersten Staffel von „The Voice of Germany“ zu sehen. In „Azzurrotre“ gibt er einen sehr agilen, lustigen guten Freund, der sich gleich das Herz des Publikums erobert. Kirsten Schneider hat sich als zickige Frauke gut präsentiert; Höhepunkt ist ihr Auftritt als Giannana Ninnana, in dem sie die italienische Rockröhre mit viel Temperament imitiert. Die drei Hauptdarsteller sind eingebettet in das musikalische Geschehen mit Gitarrist Richie Necker, Bassist Uli Zrenner-Wolkenstein, Schlagzeuger Michael Thomas und – erstmals in der Revuereihe dabei – Pianist Bernd Meyer. Rocky Verado und seine Musiker wissen genau, wie man das Publikum zum Mitmachen animiert, und das Passauer Publikum macht gerne mit. Konzertfeeling pur im Opernhaus!

Das Stück wartet mit vielen originellen neuen Figuren auf, z. B. Jean-Paul Levèvre und seine Frau Ulla Sauerkraut-Levèvre oder Maurizio Marco und Dean Martin. In diese Rollen wie auch Mutti Brigitte, Mamma Maria oder den Traumschiffkapitän schlüpft Johann Anzenberger. Der oberbayerische Schauspieler, Sänger und Musiker ist in seiner komödiantischen Präsens eine Wucht und darf jede Rolle mit charakteristischen Eigenheiten ausstatten. Da stimmen auch die Kleinigkeiten, wie dass Rat-Pack-Mitglied Dean Martin stets mit einem Glas Whiskey auftrat. Chapeau vor dem sehr schnellen Kostümwechsel und den teils aufwendigen Kostümen (Dorothee Schumacher). Da muss auch hinter der Bühne alles perfekt funktionieren. Die Kostüme überraschen durch Opulenz und Stimmigkeit mit der Szene, wenn etwa die mondsüchtige Frauke auf Werwolf und Katze trifft. Die Mythologie weiß, dass ein Werwolf ein bei Vollmond verwandelter Mensch ist und dass Katzen bei Vollmond ein besonderes Jagsverhalten zeigen . . .
Perfekt funktioniert auch die Choreografie von Sunny Prasch.

Regisseur Stefan Tilch stellt seine Revue in ein variables Bühnenbild (Bühnenbild Lutz Kemper), das von der Ödnis eines Supermarkts in Gelsenkirchen über die Romantik am Meer bei Mondschein, immer wieder in Zugabteilen bis hin zur großen Showbühne mit Bar gestaltet ist. Die Videos von Florian Rödl verstärken den Eindruck des Roadmovies, ziehen doch sowohl Industrielandschaften, aber auch Kühe, Orte, Berge und vieles mehr an den Zugreisenden vorbei. Die Requisiten sind detailfreudig ausgesucht. Die Vespa darf natürlich nicht fehlen, ebenso wenig ein Stück Pizza oder ein Teller Spaghetti. Die Lichtregie ist teils auf Grün, Weiß und Rot getrimmt, ebenso der Trainingsanzug von Gianni.
Der Spannungsbogen wird fast immer gehalten. Dramaturgisch gesehen ist das Schlussbild, das wieder zurückführt an den tristen Bahnhof von Gelsenkirchen ein sehr retardierendes Moment, das runterzieht. Dass Rocky die Mondsucht seiner Liebsten nicht an andere verraten hat, hätte man auch vorher einbauen können, ebenso die zwei großen Gewinne.
Berechtigter Jubel, Standing Ovations und zwei Zugaben am Schluss der Italo-Pop-Revue. Ein begeisterter Zuschauer forderte eine Fortsetzung und rief „Azzurroquattro“. Der geistig gegenwärtige Rocky Verardo reagierte schnell: „Das machen dann unsere Enkel.“ Der regelmäßige Theaterbesucher weiß: Die Erfolgsserie wird mit dem Wechsel der Intendanz beendet.
Ein anderer Besucher rief schließlich „Viva Italia“ – und hat damit das Lebensgefühl der euphorisierten Besucher, die reichlich Szenenapplaus spendeten, genau getroffen.
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Weitere Vorstellungen:
In Landshut:
20., 21., 22. Februar, 18., 19. April,
Tickets: Tel. 0871/922 08 33
In Passau:
- Februar, 18. April, 19. April9., 10. Mai
Tickets: Tel. 0851 / 929 19 13
In Straubing:
- Februar
Tickets: Tel. 09421 / 944 69 199