Nockherberg: Großartiger Stephan Zinner

Machtkämpfe: David Zimmerschied als Kanzler Friedrich Merz und Thomas Limpinsel als Fraktionsführer Jens Spahn. © Sreenshot Edith Rabenstein

Langatmiges Singspiel trotz guter Schauspieler

Seit 2004 treten Kabarettisten als Fastenprediger am Nockherberg beim Politikerderblecken auf. Zuvor waren Schauspieler, die Fastenpredigten verschiedener Autoren vortrugen. Nach Bruno Jonas, Django Asül, Michael Lerchenberg und Luise Kinseher hielt der Allgäuer Maxi Schaffroth seit 2018 die Rede. Und es wurde für Brauerei höchste Zeit, sich nach einem neuen Fastenprediger umzusehen. Die letzten Predigten Schaffroths waren zwar kritisch, aber wenig strukturiert und großteils albern oder derb, vor allem, weil er stets über seine gelungenen und wenig gelungenen Gags permanent selbst lachte. Da gab es viele peinliche Momente. Das Schlimmste aber war sein sehr starker Dialekt, so dass etliche Passagen nicht zu verstehen waren.

Debüt als Fastenprediger

Premiere für den neuen Fastenprediger Stephan Zinner. © Screenshot Edith Rabenstein

Da ist der Sänger, Schauspieler (Eberhof-Krimis, Serie „Himmel, Herrgott, Sakrament“) und Kabarettist Stephan Zinner ein anderes Kaliber mit seiner gepflegten oberbayerbayerischen Artikulation. Er schlüpfte in keine Rolle, sondern kam in Lederhose, Trachtenjanker und weißem Hemd als das, was er ist: Kabarettist, Beobachter, Kritiker und Unterhalter. Sichtlich nervös war er in dem mit 600 Menschen, darunter vieler Politprominenz, Schauspielern und Kabarettisten gefülltem Saal am Münchner Nockherberg. Die Nervosität hat Zinner, der fast 15 Jahr im Singspiel Söder-Darsteller war, nicht geschadet, im Gegenteil. Denn er spulte damit die Fastenpredigt nicht in eintönigem Sing-Sang ab, den man von seinem Vorgänger gewohnt war ab.

Vor urbaner Münchner Kulisse des Olympiastadions wurde der „Schleudersitz“ am Pult zu einer feinsinnigen Gratwanderung zwischen vordergründigen witzigen und subtilem Humor. Die oft hintergründige Kritik stand manchmal nur zwischen den Zeilen; wer genau zuhörte, hörte schon das heftige Grollen in der doch immer charmant bleibenden Schelte.

„Viech zwischen Vernunft und Verantwortung“

Zinner behandelte im Eiltempo eine Vielfalt von Themen. Da war vom Epstein-Skandal (ummantelt von Katja Ebsteins „Wunder gibt es immer wieder“), Trump, genauso die Rede wie vom Serviceheft für Politiker, dem Lehrerstoff, den Verquickungen der Kulturminister-Gattin in Finanzgeschäfte, den Lehrerstop in Bayern, der Welle am Eisbach, den überbordenden Plakatierwut der Politiker vor der Wahl, Wohnungsnot oder dem „Funkloch als Ruheoase“. Eine Lanze brach er auch für die Fächer Sport, Musik und Kunst in der Schule. Beim Lästern über die Atompolitik donnert und blitzt es aus dem Himmel – und schließlich gibt es noch eine Eingebung einer göttlichen Frau. Dass der Fastenprediger gegen den Ministerpräsident besonders stichelt, ist nicht neu am Nockherberg – und Söder weiß, dass er in dieser Funktion auch da ist. Ein Sturz nach vier oder fünf Maß auf der Wiesn stürzt den Redner schließlich in einen Traum, in der er Ministerpräsidentin Ilse Aigner begegnet. Schließlich begibt er sich auf die Suche nach einem „Viech zwischen Vernunft und Verantwortung“, das von der Dauerempörung ausgerottet wird. Nach dem Gospelsong von „When the Saints Go Marching In“ von Louis Armstrong singt er „Oh Augenmaß“ komm zurück. „Z`hamhaltenh müss ma – mit Augenmaß und auf Augenhöhe – nicht mehr und nicht weniger!“

Zur Recht gab es einen Riesenapplaus für Stephan Zinner bei seinem Debüt für eine Rede, die auch mit leisen Tönen und mit Appellen an das Publikum durchsetzt war.

„Wirf das Handtuch, Lindwurm“

Zwei Frauen, die Arten schützen wollen: Katharina Schulze (Sina Reiß, l.) in der Natur und Michaela Kanniber (Judith Toth) am Kochtopf. © Screenshot Edith Rabenstein

Seit 2018 schreiben Richard Oehmann und Stefan Betz das Singspiel; die Lieder und die Zwischenmusik komponiert Martin Probst. „Wirf das Handtuch, Lindwurm“ war der Titel, der nicht einlöste, was er versprach. Rabenvögel kommen aus den Reihen des Publikums krächzend auf die Bühne; das Bühnenbild ist eine Endzeitszenerie, in der die Politiker sich treffen: Ministerpräsident Söder (Thomas Unger) als selbstbewusster Barde von der Sauweide, der zum soften Heilsbringer mutiert, Bärbel Baas (Nikola Norgauer) als Knappe des Ritters Friedrich Merz (David Zimmerschied) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) als Bettelmönch. Michaela Kanniber (Judith Toth) ist eine Marketenderin, die stets eine Wurst parat hat, Katarina Schulze (Sina Reiß) eine gute Fee, die die Fantasy-Welt verbessern will und Alexander Dobrint, der Scheriff von Peißenberg, gespielt von Wowo Habdank, ausgestattet mit einem Scharfrichterbeil.

Schauspieler haben Figuren gut studiert

Geht für sein armes München betteln: Dieter Reiter, dargestellt von Gerhard Wittmann. © Screenshot Edith Rabenstein

Jens Spahn, ein satyrischer Faun, der auf der Panflöte zur Attacke bläst, wird von Thomas Limpinsel gespielt. Hubert Aiwanger wird in bewährter Manier dargestellt von Stefan Murr. Ohne Zweifel haben die Schauspieler ihre Figuren gut studiert und ausgebaut. Dem Stück insgesamt fehlte es jedoch an Handlung, Substanz und spritzigen Szenen. Nicht die bayerische Politik wurde auf die Schippe genommen, sondern die bundesrepublikanische. Es war eine Typenkomödie und ein harmloses Geplänkel mit Längen. Nur gegen ein Phantom anzukämpfen reicht nicht. Köstliche Szenen konnte man aber vereinzelt doch finden: So der Tango zwischen dem CDU-Kanzler und seiner Koalitionspartnerin oder das Frauengespräch zwischen der bayerischen Grünen-Fraktionsführerin und der bayerischen Landwirtschaftsministerin. Musikalisch war das Singspiel mit viel und auch guter Zwischenmusik, aber wenig Liedern komponiert, die noch dazu viele Reprisen hatten.

Man hat schon spannendere Singspiele gesehen. Vielleicht könnte man da auch das Autorenteam mal erneuern.