Sternstunde am Landestheater Niederbayern

Sieg der Liebe nach Kämpfen und Intrigen: Cleopatra (Emily Fultz) und Cesare (Christian Borrelli). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Händels  „Giulio Cesare in Egitto“ in Passau

Wenn Cesare und Cleopatra sich am Ende auf eine „aufregende Reise“ miteinander begeben und ins königliche Bett sinken, dann hat der Zuschauer bereits eine sehr berührende Reise in das Herz der Barockmusik hinter sich: „Giulio Cesare in Egitto“ von Georg Friedrich Händel beendete die Barockreihe am Landestheater Niederbayern in Passau. Die scheidende Theaterleitung, Intendant Stefan Tilch und Generalmusikdirektor Basil H. E. Coleman, hatten die Reihe etabliert, und sie war zu einem Publikumsliebling geworden. Der Jubel am Samstagabend im Fürstbischöflichen Opernhaus zeugte erneut davon.

Dass dieser Abend so fulminant geriet, lag an der spritzigen und aufwühlenden Musizierweise der Niederbayerischen Philharmonie, einem glänzenden Sängerensemble und einer ästhetisch höchst gelungenen Inszenierung.

Letztere liegt in den Händen des international sehr erfolgreichen Opernregisseurs Stephen Medcalf (Jahrgang 1958). Seit 2014 inszeniert er als Gastregisseur am Landestheater Niederbayern. Ich erinnere mich an bemerkenswerte Inszenierungen wie  „Aida“,  „Ariodante“, „Das Land des Lächelns“ „La Finta Giardiniera“ und „L’elisir d’amore“.

„Giulio Cesare in Egitto“, von Medcalf und Coleman um rund eine Dreiviertelstunde und etliche Reprisen gekürzt, wird auf das Schicksal der beiden Hauptprotagonisten verdichtet.

Vertanzte Szene mit Ägyptern und Römern (Ensemble). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Das Bühnenbild spiegelt die beiden Welten wider: Zwei verschiebbare Podeste in Schwarz und Weiß formen immer wieder neue Räume und Spielebenen (Ausstattung: Adam Whiltshire). Beide tragen Schriftzeichen: die helle Wand ägyptische Hieroglyphen und die dunkle römische Texte (vermutlich von Caesar). Die Kostüme sind ebenfalls in diesem Kontrast gehalten. Die pastellfarbigen Gewänder stehen für die sinnliche Welt am Nil, die düsterglänzenden Ledermäntel für die rationale Welt am Tiber.

Wie eine Pietà-Figur: Cornelia (Magdalena Hinz) mit ihrem Sohn Sesto (Sabine Noack). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Dass Medcalf ein wahrer Meister seines Faches ist, zeigt vor allem die vortreffliche Visualisierung des Textes in vielen Bildern: Wunderbar die Szene, als Cleopatra wie ein Vögelchen zwitschern und tänzeln darf: sie steigt aus einem schaukelnden „Papageienring“ – später wird sie nicht in einem modernen Stahlgehäuse von ihrem Bruder gefangen, sondern in einem nostalgischen Vogelkäfig. Dass die Oper vertanzt wird, ist eine gute Idee, bietet sie doch dafür die passenden Instrumentalsätze. Da ist der höfische Tanz der Barockzeit ein Vorbild, das aber auch in Freestyle bei Cesare und Cleopatra enden darf. Großartig der „Schwertertanz“ (Choreografie: Rae Piper), bei dem das Schattenspiel eine tragende Rolle spielt. Teil des Bühnenbilds ist auch eine Videowall die z. B. eine Karte von Alexandria zeigt oder das dramatische Meer, an dem die Toten liegen. Die Personenregie ist fein durchdacht, auch in kleinen Gesten, wenn die verliebte Cleopatra zärtlich über die lateinischen Lettern an der Wand streichelt oder in Vorfreude ein Kissen, das wie ein riesiger Phallus wirkt, entgegennimmt. Und sogar der Geist des getöteten Pompeo darf sich geköpft und mit blutrotem Mantel zeigen. Bleibt zu hoffen, dass so professionelle Gastregisseure wie Stephen Medcalf auch weiterhin dem Landestheater Niederbayern verbunden bleiben.

Im Käfig gefangen: Cleopatra (Emily Fultz). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai
Im Käfig gefangen: Cleopatra (Emily Fultz). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Einen Triumph können Cleopatra und Cesare feiern. Emily Fultz fächert ihren Charakter feinfühlig auf: Sie ist das lebensfrohe Mädchen, die ehrgeizige Thronanwärterin, die kecke Verführerin, die Liebende, die Verzweifelte und schließlich die glücksselige Königin. Die Sopranistin singt immer wieder technisch brillant und von großer Ausdruckskraft. Ihre eindringlichste Arie: „Se pietà di me non senti“. Zum Weinen schön.

Mit dem spanischen Gastsänger Christian Borrelli hat sie einen empfindsamen Cesare an ihrer Seite. Der Countertenor, der neben seiner musikalischen Ausbildung in Madrid und Berlin, auch als promovierter Arzt in seiner Heimat tätig war, gibt keinen Machtmenschen, sondern einen reflektierten Helden. Der Sänger weiß zu gestalten: Fein, weichfließend erklingt sein Countertenor, begeisterte mit hohem Niveau bei den oft schwebenden Koloraturen.

Sein Widersacher Tolomeo wird von Gastsängerin Klara Brockhaus interpretiert. Die Mezzosopranistin, die u. a. an der Theaterakademie August Everding München studierte, überzeugt in der Partie, die von Händel ebenfalls für einen Kastrat geschrieben war, sowohl schauspielerisch als auch sängerisch. Sie beeindruckt schon bei der ersten Arie „L’empio, sleale, indegno“. Über die Rolle stülpt sie ein sich immer mehr zuziehendes Netz der Gewalt gegenüber den Frauen.

Tod des Feindes: Achilla (Peter Tilch, l.) und Cesare (Christian Borrelli). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Mit Wärme und Tiefe versieht Magdalena Hinz ihre Cornelia, die Witwe des Pompeo: Das Duett von Cornelia und Sesto, „Son nata, o a lagrimar, sospirar“, wird mit großem Gefühl und starker Theatralik gesungen. Ein starkes Bild: Cornelia und ihr Sohn verschlingen sich zu einer „Pietà-Figur“ in ihrem Leid. Sabine Noack stellt die Zerrissenheit des Sohnes dar, der den Vater rächen will und doch – trotz Pistole – nicht dazu fähig ist. Peter Tilch ist kein so böser Achilla,  wie man ihn aus anderen Inszenierungen kennt, eher ein treuer Diener seines Herren – bis er dessen Charakter erkennt. „Dal fulgor di questa spada“ ist hier der Höhepunkt. Kyung Chun Kim als Curio ist u. a. für die heiteren Momente in der Oper zuständig, wenn er mehrfach unpassend in die Tête-à-Têtes von Cleopatra und Cesare platzt. Vor Schreck fällt der verliebte Römer sogar aus dem Bett. Als Nireno verzaubert die Sängerin Pia Raffaele, die die Partie alternierend mit Theresa Krügl singt.

Generalmusikdirektor Basil H. E. Coleman und die Niederbayerische Philharmonie sind erfahren in Barockmusik. Für den Basso Continuo sorgt Coleman am Cembalo. Colemans Faible für zügige Tempi passt zu Händels Musik. Doch auch die langsamen Schönheiten der Partitur werden ausgekostet, wie z.B. die edlen Melodienbögen. Die Holzbläser präsentieren sich exzellent. Als Solisten stechen hervor: Hornist Jochen Löflath in „Va tacito“ und Geiger Daniel Bara, stellvertretender Konzertmeister des Theaters in Regensburg) in „Se in fiorito ameno prato“. Der aufregende Spannungsbogen reißt an diesem Abend keine Sekunde ab!

Die berühmte Losung Cäsars, die am Anfang der Oper steht „Ich kam, sah und siegte“ kann dieser „Giulio Cesare in Egitto“ für sich wahrlich in Anspruch nehmen: Er ist eine Sternstunde am Landestheater Niederbayern.

 

Weitere Vorstellungen:

Landshut:

13., 14. Februar, 21., 22. März, 11., 12. April

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Passau:

20., 21., 27. , 28. Februar, 24. April, 31. Mai, 5. Juni

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Straubing

3.März

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