Erstmals „Rienzi“ bei den Bayreuther Festspielen
Bayreuth macht im Jubiläumsjahr vieles anders: Dazu gehört der Start mit einem Konzert, dirigiert von Christian Thielemann, die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ mit einer Festrede von Michel Friedmann und der „Rienzi“, der erstmals bei den Bayreuther Festspielen gezeigt wird. Richard Wagner nannte seine tragische Oper später eine „Jugendsünde“ und wollte sie auf dem Grünen Hügel nicht aufgeführt wissen. Über den bisher geltenden Kanon setzte man sich zum 150-jährigen Bestehen der Festspiele hinweg: Am Sonntag war Premiere von „Rienzi“. Ich war beim Live-Stream dabei.
Mutige Katharina Wagner
Und: Es ist mutig, dass sich Katharina Wagner über die Tradition hinweg gesetzt hat. Mutig ist es vor allem auch, weil gerade diese Oper NS-Diktator Adolf Hitler als Jugendlicher in Linz und sah und mit seiner eigenen Ideologie und Selbststilisierung verband. Er missbrauchte die Ouvertüre des Werks, indem die Nazis ihre Reichsparteitage damit eröffneten. Katharina Wagner sagte bereits im Vorfeld, dass man die Inszenierung als Warnung vor dem Rechtsruck in Politik und Gesellschaft sehe.
Die Oper erzählt von der historischen Figur Cola di Rienzo, der sich als Volkstribun gegen den korrupten Adel auflehnte, dem Größenwahn verfiel und schließlich dem Volkszorn zum Opfer fiel.
Das musikalische Material – eine endgültige Fassung gibt es nicht, die Oper ist auch nicht durchkomponiert – hat Dirigentin Nathalie Stutzmann sehr, sehr verdichtet und gekürzt, was der Tragödie gut tut. Forsch marschiert sie als musikalische Leiterin mit ihrem gut disponiertem Orchester durch diesen Abend. Die musikalischen Lücken, die man auch bei CD-Aufnahmen empfindet, sind hier weitgehend geschlossen und inhaltlich weggebügelt. Für mich ist es nicht der erste „Rienzi“, habe ich doch Richard Wagners dritte vollendete Oper, nach dem historischen Roman „Rienzi, the Last of the Roman Tribunes“ von Edward Bulwer-Lytton bereits in Wien zwei Mal live gesehen. Doch: Hier ist alles anders. Man möchte sagten: wohltuend anders.
Schlüssiges Regiekonzept

Das liegt auch an dem schlüssigen Regiekonzept, das samt Ausstattung in Frauenhand liegt: Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka zeichnen dafür verantwortlich und haben überzeugt.
Rienzi ist ein Politiker der Jetztzeit. In der Ouvertüre wird seine Vorgeschichte gezeigt: In einem mehrstöckigen Plattenbau-Haus lebt und arbeitet er mit seiner Schwester und einem kranken Kind. Stammt es aus einer inzestuösen Beziehung? Ist es sein Bruder? Als verstorbener Geist taucht es später wieder auf. Es ist auf alle Fälle ein starker und emotionaler Beginn. Die graue Szenerie ist ein mehrstöckiges Haus, das sich von unten aufbaut. Tauben in den Ecken sind ein Symbol, das immer wieder kehrt. Friedenstauben?
Die Clans werden vertreten durch smarte Typen, Rienzi ist auch einer und kennt die Pose des Machtpolitikers genau. Umgeben ist er von Volk, das permanent ins Handy guckt und nach Selfies jagt, und von Medien die News, Hochrechnungen und Zahlenkolonnen en Masse in die Welt schicken.
An das alte Rom, in dem das Stück von Wagner angesiedelt ist, erinnern nur witzige Hinweise wie „Capitol News“, „Live from the Capitol“ oder das dem Forum Romanum nachgebaute Theater, indem sich die Politiker versammeln.
Dies war ohnehin eine der gelungensten Szenen: Die „Ballettmusik“ – sie war in der französischen Oper quasi obligatorisch und Wagner hatte „Rienzi“ gemäß der französischen Oper gestaltet – haben die Regisseurinnen dazu benutzt, Figuren, Themen, Symbole aus Wagner-Figuren sozusagen als Theater auf dem Theater zu präsentieren. Der Schwanenritter war ebenso vertreten wie Tristan und Isolde, Sieglinde und Siegmund, Brünhilde und Siegfried, die Meistersänger und ihr Schuster sowie Kundry, die den wundertätigen, leuchtenden Gral vorführt. Eine köstliche Idee, dass der kleine goldene Richard Wagner, den der Nürnberger Künstler Ottmar Hörl geschaffen hat, durch die Inszenierung tollt und natürlich auch dirigiert. Die Originale auf der Festspielwiese sind übrigens alle 2023 gestohlen worden.
Andreas Schager in der Titelrolle

Bayreuth-Liebling Andreas Schager ist in der Titelpartie zu erleben und begeistert einmal mehr mit seiner Bühnenpräsenz. Sein Volkstribun ist Verführer und Verführter. Er ist der Charismatiker, der Massen lenken kann, und erliegt schließlich dem eigenen Machtstreben. Der österreichische Tenor hat diese Rolle schon mehrfach gesungen. Bei ihm steht mit starker Sensibilität die Entwicklung der Figur im Mittelpunkt, die eine unglaublich große Partie zu bewältigen hat. Schager tut dies mit der ihm eigenen Disziplin und Stärke. Er setzt auf sein unglaubliches Forte bis zur Verausgabung, was im Gebet im vierten Akt doch hörbar wird.
Gut besetzt ist der römische Adel mit Michael Nagy als Orsini und Andreas Bauer als Colonna. Dessen Sohn Adriano, von Wagner als Frauenpartie vorgesehen, interpretiert Jennifer Holloway, zerrissen zwischen Familienpflicht und Liebe zu Rienzis Schwester Irene. Diese wird verkörpert durch Gabriela Scherer. Die Schweizer Sopranistin, die bereit als Gutrune am Grünen Hügel zu erleben war, konnte sich erst am Ende von der starken Männerriege emanzipieren.
Der Chor, den Thomas Eitler de Lint einstudiert hatte, spielt in „Rienzi“ eine tragende Rolle; leider blieb durchgehende Textverständlichkeit aus.
Es war eine Aufführung der großen Bilder am Puls der Zeit, eine Dystopie über gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Und diese Entwicklungen passieren schon vor der Haustür.