Meister der musikalischen Experimente

Sie Simon Rattle (Mitte) mit den Solisten (v. l.) Konstantin Krimmel Andrew Staples und Tim Mead sowie der Formation „BRSO barock“. © Edith Rabenstein

EW-Konzert mit Sir Simon Rattle im Passauer Dom

Wenige Tage nach dem Saisonauftakt von Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks im Münchner Herkulessaal sind der Klangkörper und ihr Stardirigent Sir Simon Rattle nach Passau gekommen. Im Dom St. Stephan eröffneten die Festspiele Europäische Wochen am frühen Samstagabend mit diesem Sonderkonzert das 75. Jubiläumsjahr 2027 vor 1000 Besuchern.

Simon Rattle wagt ein Experiment: Er setzt zwei apokalyptische Werke auf das Programm: Johann Sebastian Bachs Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“ (BWV 20) und Ludwig van Beethovens „Sinfonie Nr. 9 d-Moll, op. 125“. Bach wird auf historischen Instrumenten, Beethoven auf modernen Instrumenten gespielt. So unterschiedlich die Werke sind, gibt es doch Gemeinsamkeiten: Beethoven war großer Bach-Bewunderer. Und: Beide Musikstücke gipfeln in der Freude. Beethoven verwendet Friedrich Schillers „Ode an die Freude“; Bachs Kantate eines unbekannten Textdichters erzählt in seiner letzten Textzeile vom „Freudenzelt“.

„BRSO barock“ 2023/24 gegründet

Seit 2023 ist Simon Rattle Leiter des BRSO-Klangkörpers; in der Saison 2024/25 gründete er „BRSO barock“; damit spezialisierte sich die Musiker auf  historischen Instrumente der Barockzeit und deren Stimmung. Was im Konzertsaal sicher gut funktioniert, ist im hohen Dom für die hinteren Reihen ein akustisches Problem.

Mit „O Ewigkeit, du Donnerwort“ startete Bach in sein zweiten Amtsjahrs als Leipziger Thomaskantor. Leicht und nobel klingt das Ensemble, feierlich gelingt die Ouvertüre. Federnd und elastisch präsentiert sich das Orchester. Auch bei den Solisten beschreitet Simon Rattle neue Wege: Neben dem soliden Tenor Andrew Staples und dem tiefgründigen Bassbariton Konstantin Krimmel singt die Alt-Partie der britische Countertenor Tim Mead, der neulich erst im „Pariser Konzert“ auf Arte zu sehen war. Er bringt eine helle Stimmfarbe ein, schmeichelnd und geschmeidig. Textdeutlich und fast immer kohärent ist der vierstimmige Chor.

Hervorragender Architekt der Dynamik

Vor dem Hochaltar im Stephansdom: Sir Simon Rattle mit BR-Orchester und Chor. © Edith Rabenstein

Nach der Pause kam das Werk auf das alle gewartet haben: Beethovens Neunte. Hier spürt man deutlich, dass Sir Simon Rattle sich mit der Originalklangbewegung beschäftigt hat. Denn seine Interpretation des 70-minütigen Mammutwerkes ist schlank, durchsichtig, ohne Bombast und doch mit dramatischer Wucht. Er ist ein hervorragender Architekt der Dynamik. Das Pianissimo in dieser Aufführung ist so zart und zugleich spannungsgeladen, das es einem als Zuhörer den Atem stockt, und mit welcher Sensibilität er dann das Orchester zu einer Fülle entfaltet. Der Dirigent setzt auf Detailarbeit in den Motiven, die sich markant herausschälen. Wundervoll austariert ist die Streicher-Bläser-Balance. Die Unmittelbarkeit des Ausdrucks ist stets da; keine Sekunde gibt es eine dahinfließende Routine.

Counter statt Mezzo

Sir Simon Rattle (l.) mit dem Countertenor Tim Mead, den er statt einer Altistin besetzt hat. © Edith Rabenstein

Auch hier ersetzt der Dirigent die Mezzo-Partie mit dem Countertenor. Ganz sicher nicht nur aus pragmatischen Gründen. Es ist sein Konzept – und er liebt das Experiment. Ist man zunächst etwas irritiert, bringt die Klangkultur Tim Meads eine raffinierte Spannung in das Vokalensemble. Die Stimmführung des deutsch-rumänischen Baritons Konstantin Krimmel begeistert auch hier, Tenor Andrew Staples ebenso. Sopranistin Lucy Crowe versteht es,  mit beweglicher Stimme Emotionen zu schaffen.

Der BR-Chor ist eine Klasse für sich. In der Neunten kann der auf rund 70 Stimmen erweiterte Chor  in der berühmten „Ode an die Freude“ glänzen. Textdeutlichkeit, die starke Rhythmisierung der Gesangslinien – das gelingt perfekt. Das Publikum dankt es mit Ovationen.

Ein denkwürdiger Konzertabend, der das Festspieljubiläum und auch das Gedenkjahr zu Ludwig van Bethovens 200. Todestag eingeläutet hat. Jubel bei den 1000 Konzertgästen!

Lesen Sie auch über den Vortrag von EW-Intendant Dr. Carsten Gerhard.

Mein Artikel ist am Samstag in der Passauer Neuen Presse erschienen.