Bravo und Buh für die Regie der Offenbach-Oper
Das Landestheater Niederbayern ist in neu gestartet: Seit dieser Saison ist Astrid Großgasteiger Intendantin, Elisa Gogou ist Generalmusikdirektorin.
Alles neu war auch an diesem Eröffnungsabend: Kein Blockbuster der Opernliteratur stand auf dem Programm, sondern ein lange Zeit vergessenes Werk „Fantasio“ von Jacques Offenbach, also von einem Erneuer in der Musikgeschichte. Offenbach (1819-1880) gilt als Erfinder der Operette; zur Unterscheidung der später entstandenen Wiener und Berliner Operette nannten man seine Werke „Offenbachiaden“. Der Meister selbst nannte seine Werke „opéra comique“ oder „opéra bouffe“.
Neu an diesem Abend war auch, dass das Fürstbischöfliche Opernhaus in Passau, nicht – wie sonst bei Musikpremieren – bis auf den letzten Platz besetzt war. Im Parkett gab es Lücken, in den Rängen auch. Ebenfalls neu: Dass Theaterbesucher im Parkett bereits in der Pause gehen mit Bemerkungen wie „Jetzt reicht’s“ und „Finito“ auf den Lippen.
„Fantasio“ mit Spielfassung für Passau
„Fantasio“ ist eine opéra comique in drei Akten, lange nicht gespielt, weil Teile der Partitur verschwunden waren. Es ist das Verdienst de Offenbach-Forscher Jean-Christophe Keck, der die Materialien zusammensuchte und in Kleinstarbeit die Partitur wiederherstellte. 2014 zeigte das Theater in Karlsruhe das Stück; 2024 die Bühne in Wiesbaden.
Und jetzt also Passau, das eine eigene Dialogfassung erhält und als Kulisse mitspielt – in knallbunten Popfarben. Auf Vorhängen wird der Residenzplatz und das Motto des Abends: „Faites la paix!“ (Macht Frieden!) hin- und hergeschoben, ein klassisches Element des Stegreiftheaters, das auch Bert Brecht gerne vereinnahmte. In den die Musiknummern verbindenden Dialogen werden Shakespeare und Eichendorff zitiert, gibt es Anspielungen auf die Stadtpolitik, wie etwa den Radlertunnel. Das ruft Lacher und auch Kopfschütteln hervor.
Denn: Das Landestheater Niederbayern spielt nicht nur für Passau und die Region, sondern auch in Landshut und Straubing. Ob das die Theaterbesucher dort wohl lustig finden?
Elemente von Commedia dell’Arte und Posse
Regisseur Christian von Götz, der sich im Interview im Programmheft als „Offenbachianer durch und durch“ bezeichnet, setzt ganz auf den subversiven Humor des deutsch-französischen Komponisten, auf dessen Kritik an der Obrigkeit, den gesellschaftlichen Verhältnissen und den Marotten einzelner Individuen. Er mixt dabei die Typendarstellung der Commedia dell’Arte mit den klassischen Elementen der Posse. Das hat bisweilen Charme. Leider geraten alle Figuren (originelle Kostüme: Gabriele Ruprecht) zu Karikaturen ohne Entwicklungsmöglichkeit, so dass das beinahe 3-stündige Stück langatmig wirkt. Und das obwohl gute Regieideen eingestreut sind, wie z. B. „eingefrorene Bilder“, hübsche Tableaus von Chor und Solisten, witzige Choreografie (Nwarin Gad) und mehrere Spielebenen hergestellt werden durch Podeste, Leitern und eine Kiste. An Gags gibt es eine Überfülle, die allerdings durch Wiederholung nicht besser werden. Einmal lacht man über die zappelnden Fische, das zweite Mal und dritte Mal ist es schon fad. Das permanente Ziehen der Vorhämge nützt sich ab. Dass am Ende auch noch alle das Kinderspiel Sackhüpfen machen müssen, setzt der Albernheit die Krone auf.
Solides Musizieren

Der „Lichtblick“ für Aug und Ohr sind die Musik und die Sänger. Solide ist das Dirigat der neuen Generalmusikdirektorin Elisa Gogou. Die Niederbayerische Philharmonie kann ihren Esprit erst in der zweiten Hälfte des Abends voll entfalten, ist doch der 1. Akt von der Exposition der Figuren bestimmt. Im 2. und 3. Akt erlebt man dann eine packende Rhythmik, ein moussierendes Schäumen, aber auch inniges Sentiment aus dem Graben.
Der Abend wird getragen von einem unglaublich spiel- und sangesfreudigen Ensemble. Es ist noch dazu in der Lage, artistische Einlagen zu bieten! Chapeau!
Der Abend steht und fällt mit „Fantasio“-Darstellerin Sabine Noack, die auch in die Rolle des Komponisten schlüpft und schließlich Hofnarr wird. Die Mezzosopranistin singt und spielt die Hosenrolle mit Verve. Warm in ihrer Liebeserklärung an Elsbeth („Ballade an den Mond“) und kraftvoll gegenüber Prinz und Studenten. Und wie sie sich dabei über mit Lockerheit über die Bühne schwingt – das ist schon große Klasse.
Ihre Liebe, Prinzessin Elsbeth, singt Emily Fultz; die US-Amerikanerin überrascht mit bayrischen Dialogen. Herrlich ihre schwierige Koloraturarie „Ah, dans son cœur“. Ergreifend ihr Romanze im Kerker. Man darf hier auf die Musik voll vertrauen; das Gezerre der Fesseln in Form von langen Bändern ist völlig unnötig.
Sopranistin Reinhild Buchmayer zeigt erstmals, dass sie auch echt komisch kann. Als Flamel (tolle Maske) gibt sie eine lustige und listige Zofe, angelegt zwischen Amme und guter Freundin, die sogar ein Rad schlagen kann. Es ist die einzige Figur, die hier eine Entwicklung hat: Sie tut sich mit dem Diener des Prinzen zusammen.

Der Prinz von Mantua (Bariton Peter Tilch) und sein Adjutant Minoni (Tenor George Kounoupias) geben ein köstliches Paar mit ihrer Verkleidungskomödie. Fantasio klaut im Flug dem Prinzen die Perücke (und nicht Hose wie im Original), was der Kriegsgrund ist.
Die drei Studenten (Kyung Chun Kim als Sparck, Shunya Goto als Hartmann und Norbert Hohl als Facio) tragen viel zum komödiantischen Kolorit des Abends bei und liefern ihre Spottgesänge lautstark und sehr dynamisch.
William Stevens gibt König Ludwig II. als Witzfigur und hat seinen ersten Auftritt standesgemäß in der Fürstenloge. Das soll vielleicht an Ludwig II. erinnern, der gern im menschenleeren Theater in der Mittelloge in München in der Oper saß. In Passau kann der König dort allerdings von Teilen des Publikums im Parkett nicht gesehen werden. Außerdem kann die bei Besuchern beliebte Fürstenloge mit mehreren Sitzplätzen nicht verkauft werden . . .
Unter den Chorpartien (Einstudierung: Guiran Jejong) sticht besonders der Chor der Hofdamen und das Kriegsgeschrei hervor.
Das Publikum reagierte mit gemischten Gefühlen auf diese Produktion. Es gab Bravo und Buh für die Regie und – im Vergleich zu anderen Premieren – nur kurzen Applaus.
Weitere Vorstellungen
in Landshut
16., 18., 30., 31. Oktober; 15. Januar
Theaterkasse
Tel. 0871 922 08 33
in Passau
10., 23., Oktober; 7., 8. November, 4., 28. Dezember
Theaterkasse
0851 929 19 13
in Straubing
13. Oktober
09421 944 69 199