Intendantin stellt sich mit Shakespeare als Regisseurin vor
11 Jahre ist es her, dass William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ am Landestheater Niederbayern zu sehen war mit Roland Schregelmann, der nach seinem Engagement am Landestheater als Shootingstar w in Kino, TV und der Bühne Erfolge feierte. Dass man einige Schauspieler von damals heute in ganz anderen Rollen beim aktuellen „Sommernachtstraum“ begegnete, war reizvoll.
Dass Intendantin Astrid Großgasteiger gerade mit dieser herrlichen Komödie die Sprechtheatersaison eröffnete und sich dabei als Regisseurin präsentierte, war ein geschickter Schachzug. Denn: Shakespeares Stück ist immer aktuell, weil die Liebe immer aktuell ist. Für Jung und Alt. Vor allem dann, wenn es ein so gelungener Abend ist.
Geschickte Montage
Großgasteiger wählt die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel (1595/96), kürzt und überarbeitet sie in einer geschickten Montage von romantischer Schlegel-Sprache und heutigem Slang. Da waren also neben Sonetten in Vers, auch aktuelle Sprüche eingearbeitet und vor allem aktuelle Gedanken, was die Rolle der Frau betrifft. Denn die war zu Shakespeares Zeiten von Männern festgelegt, in der Gesellschaft und auf der Bühne, obgleich an der Spitze des Königreichs eine Frau Stand, Elizabeth I., gab es keine Frauen auf der Bühne; ihre Rollen spielten junge Männer.
Hier hinterfragen alle Frauen ihre Rollen: Hippolyta, die Amazonenkönigin, die wie eine Statue im Museum ausgestellt ist und ihren Helden sucht („I need a hero“ von Bonnie Tyler), Elfenkönigin Titania, die den Widerstand gegen ihren Mann Oberon probt, und auch die vier jungen Liebenden: Hermia und Helena wollen selbstbestimmt lieben. In der Handwerkertruppe finden sich auch zwei Frauen. Aber: Auch Männer wollen selbstbestimmt leben, am augenfälligsten Handwerker Snug.
Handlungsebenen verschwimmen
Astrid Großgasteiger lässt die Handlung, die auf vier Ebenen – Fürsten, Liebespaare, Handwerker und Feenreich – spielt, rasch ineinander überlaufen; das eher karge und doch passende Bühnenbild (Ausstattung: Hannah Landes) und ein Gaze-Vorhang geben auch dem Zuschauer Orientierung, der das Stück eventuell nicht kennt. Vorhänge, stimmungsvolle Projektionen, wenige Requisiten und ein Baum mit Astgabel, der eine zusätzliche Spielfläche bietet, sind das Bühnenbild. Über allem glänzt ein großer Mond in verschiedenen Farben.
Die Kostüme sind heutig mit Reminiszenzen an frühere Standesunterschiede. Die Feenwelt ist märchenhaft gestaltet mit aufwändigen Kostümen von Titania, Stimmweb, Senfsamen, Erbsenblüte und Motte. Süß ist der fröhlich wirkende Eselskopf.
Differenzierte Lichtregie
Ein wichtiges und differenziert gestaltetes Element in der Inszenierung ist die Lichtregie, die dem Zauberwald etwas Magisches verleiht. Dazu trägt auch die atmosphärisch dicht komponierte Musik mit psychodelischen Versatzstücken von Katrin Schweiger bei. Sie war von 2022-2024 als Hauskomponistin am Salzburger Landestheater engagiert und arbeitet jetzt freiberuflich.
Ensemble in Bestform
Astrid Großgasteiger hat das Stück auch deshalb ausgewählt, weil sie mit einem Großteil des Ensembles zusammenarbeiten kann. Dieses präsentiert sich in Bestform und guter Sprechkultur – trotz vieler Doppelrollen:
Antonia Reidel (die man von der früheren Inszenierung als Puck in bester Erinnerung hat) schlüpft dieses Mal in die Rolle der Herrscherinnen: als Hippolyta, die vom Sockel geholt werden will, und als verzauberte Königin der Feenwelt, die inbrünstig einem Esel zugetan ist. Joachim Vollrath ist ihr Oberon, angelegt als unheimliche Gruselfigur und als cooler Theseus.
Auch dieses Mal wird Puck von einer Frau gespielt: Katharina Schmirl ist ein agiler und hinreißender Waldgeist, der nicht wirklich viel zu lachen hat. Von drollig bis urkomisch tobt dieser Puck durch den nächtlichen Zauberwald und darf als Flute auch noch eine emanzipierte Handwerkerin geben.

Herzerfrischend sind die vier jungen Verliebten, die von Rebecca Zierner, Amelia Steinweiß, Luca Storn und Friedrich Brückner gespielt werden, alle neu im Ensemble. Das Schwanken zwischen Selbstsicherheit und Unsicherheit, zwischen Begehren und Liebe, zwischen Anziehung und Abstoßung fegt über sie wie ein Wirnelsturm auf dem Karussell der Gefühle hinweg.
Auslöser für die Flucht in den Wald ist Hermias Vater Egeus, der Herr über Leben, Tod oder Kloster für seine Tochter ist. Wie ein Ritter aus „Star Wars“ spielt Jochen Decker diese Rolle als eleganter Herr mit Laser-Schwert – und muss sich am Ende doch fügen.
Mystisch, unheimlich, gesichts- und geschlechtslos agiert das Gefolge der Titania, das die Flora und Fauna des Waldes repräsentiert und via Doppelbesetzung gespielt wird. Die nächtlichen Waldszenen sind gut choreografiert von Nwarin Gad.
Theater-auf-dem-Theater
Die Handwerkerszenen haben eine wichtige dramaturgische Funktion: im Theater-auf-dem-Theater wird die Komödie gespiegelt und hinterfragt. Die einzelnen Typen werden karikiert, so der affektierte heldische Hauptdarsteller Zettel (Stefan Sieh), der überdrehte Regisseur und Autor Peter Squenz (Maximilian Bendl), die Handwerkerin, die endlich eine Frau spielen darf (Katharina Schmirl) und der genügsame Snout (Larisssa Sophia Farr), der lediglich als Löwe schnurren und brüllen darf.
Hier sind drei Akteure besonders gut herausgearbeitet: Benedikt Schulz schlüpft als Snug in eine Rolle, die das Leben als Handwerker ihm nicht bietet: Er ist eine Dragqueen und spielt das mit feinem Witz und großem Understatement – im kurzen Glitzerkleid und hoher Perücke mit einem Song aus dem Musical „Ein Käfig voller Narren“, das 2014 am Landestheater zu sehen war: In dem Lied „I Am What I Am“ („Ich bin, was ich bin“) von 1983 gipfeln hier alle Linien von Emanzipation und Suche nach der eigenen Identität, die das Stück zu bieten hat.
Die zweite Partie ist die des Zettel, der von Puck in einen Esel verwandelt wird, in den sich Titania wie rasend verliebt. Dies sorgt natürlich für viele komische Elemente, wird doch gezeigt, wie sich eine Liebende zum Affen macht. Stefan Sieh gibt einen liebenswerten und schnuckeligen Esel.

Die dritte Partie ist der Regisseur und Autor (Maximilian Bendl), in dem Shakespeare selbst mit elisabethanischem Kragen und den damals typischen Hosen auftritt.
Dass die Handwerksszene am Ende zu lang gerät, ist der Dramaturgie des Stückes geschuldet. Da hätte man durchaus kürzen können.
Insgesamt war es ein zauberhafter Einstieg in die Sprechtheatersaison mit einer spielerischen und fantasievollen Ästhetik.
Dazu gehörte auch, dass Puck und Peter Squenz sich im Foyer tummeln und eine Installation die Besucher auf die Hochzeit von Hippolyta und Theseus einstimmt: Man kann sich in ein Gratulationsbuch eintragen.
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Weitere Vorstellungen:
Die Termine von „Ein Sommernachtstraum“:
Landshut
23., 24. Oktober, 7., 8. November, 2., 3., 24. Januar, 12. Februar, 12. März, 13. März
Kartentelefon: 0871/922 08 33
Passau
18., 30., 31. Oktober, 27., 28. November, 13., 14. Februar
Kartentelefon: 0851/929 19 13
Straubing
- Oktober
09421/944 69 199