Friedrich Hirschl wird am 15. Oktober 70 Jahre alt
Wer die steilen Treppen zu Friedrich Hirschls Elternhaus nahe dem Inn hochsteigt, kommt in einem „Bücherhaus“ an. Prall gefüllte Regale. Lesen ist hier Selbstverständlichkeit . . . und seit 1977 auch Schreiben. Als Student wurde er von den Gedichten Georg Trakls zum eigenen Schreiben inspiriert.
„Wenn ich Hunger verspüre zu schreiben, dann setze ich mich hin und schreibe“, sagt er. Assoziationen, Beobachtungen, Gedanken. „Ich schreibe, was in mir drinnen liegt. Es ist eine innere DNA.“ Er arbeitet oft viele Stunden bis in den Morgen. Er ist ein Nachtmensch.
Am 15. Oktober wird der gebürtige Passauer 70 Jahre alt. Wir sitzen im Wohnzimmer seines 1927 erbauten Elternhauses, umgeben von Büchern. Dort leben er und seine Frau Marianne, dort sind die Töchter Carmen und Miriam aufgewachsen. Auf der Couch hat es sich die aparte Katze Peggy gemütlich gemacht.
Auf dem Tisch liegen seine Bücher, bisher neun an der Zahl, Zeitungsausschnitte von Rezensionen in der Passauer Presse, der Landshuter Zeitung, der Süddeutschen und der Frankfurter Zeitung. Ein Federmäppchen, das ihn und seine Tochter …. an einem Gipfelkreuz in den Bergen zeigt.
„Ich bin ein sehr spiritueller Mensch“, sagt Fritz Hirschl, „ich könnte nicht schreiben ohne Gott, ohne dieses große Du. Das Du ist dabei beim Finden der Bilder“.
Komposition aus Assoziationen
Auf dem Tisch liegt auch ein kleines dunkelrote Büchlein, vollgeschrieben mit handschriftlichen Notizen, Eindrücken, Wortfetzen, Beobachtungen. Manchmal steht am Rand, gelb markiert: Gedicht. Dieses Büchlein hat er immer dabei und notiert. Seine Gedichte entstehen aus diesen Assoziationen und meist in mehreren Fassungen. Die tippt er allerdings in den Computer. Bis zu zehn Fassungen eines Gedichts liegen in seinem Sammelordner. Er wisse nicht, was dabei rauskommt. Es sei ein langer Prozess mit Freude am Schreiben, Gelassenheit und Hingabe, manchmal auch wie ein Schreibrausch. Man könne Gedichte mit einer Komposition vergleichen, an der öfters gearbeitet wird. Mal gibt es ein lyrisches Ich, mal einen fiktiven Erzähler. Fertig ist das Gedicht, wenn er es gelungen findet, wenn er damit glücklich ist. „An den Leser denke ich dabei nicht“, sagt der Lyriker. Während er in seinen früheren Gedichten unmittelbar über Menschen und ihre Gefühle schreibt, geht er im späteren Werk den Weg über die Naturbetrachtung. In seinen Gedichten über Natur spiegeln sich die Gefühle der Menschen.
Ausbildung und Berufsweg
Vorgezeichnet war ihm dieser Weg nicht unbedingt.
Nach der St. Nikola Volksschule Passau besuchte Hirschl das Adalbert-Stifter-Gymnasium Passau, wo er 1976 die allgemeine Hochschulreife erlangte. Nach dem Grundwehrdienst studierte er 1977 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Passau katholische Theologie. Seit 1982 ist Hirschl Diplom-Theologe. Hirschl wirkte zuerst als Pastoralassistent, ab Dezember 1986 als Pastoralreferent in Niederbayern, so in Simbach am Inn, Bad Griesbach im Rottal, Zwiesel und in Passau im Pfarrverband St. Paul/St. Nikola. Bis 2017 arbeitete er als Religionslehrer in Teilzeit an der Grundschule Passau-Grubweg. Von 2017 bis August 2021 war er in Passau mit wenigen Stunden als Pastoralreferent im Pfarrverband Neustift-Auerbach tätig.
Ganz ohne Brotberuf wäre es nicht gegangen, so Fritz Hirschl. „Von der Lyrik und den Buchverkauf kann man nicht leben.“ 400 Euro + Spesen verlangt er für eine Lesung, wobei die Lesungen immer weniger werden. Aus Personalkosten würden immer weniger Lesungen von Buchhandlungen veranstaltet und die Lesungen in den Schulen seien nach Corona fast weggebrochen.
Ein Spaziergänger, der Eindrücke aufsaugt
Als Jugendlicher hatte er eine Sportkarriere als Leichtathlet im Sinn, wollte Religions- und Sportlehrer werden. Ein schwerer Unfall beim Stabhochsprung schnitt diesen Weg ab – und führte ihn auf einen neuen Pfad zu Philosophie und Lyrik. Auch ein anderer (nicht selbst verursachter) Schock-Unfall mit dem Auto im Rottal hat ihn geprägt. Er ist zum Fußgänger geworden oder besser zum Spaziergänger an den Flüssen und in den Straßen seiner Stadt, wo er Beobachtungen aufsaugt – und notiert. „Eine Stunde pro Tag, mindestens“, sagt er. „Dabei sammle ich Wortbilder.“
Zeit ist für ihn zu einer wichtigen Kategorie geworden, „vielleicht auch, weil ich jetzt ja älter bin“, schmunzelt er. Wenn man in Vorbereitung auf das Gespräch in seinen früheren Büchern liest – einige habe ich im Feuilleton der Passauer Neuen Presse rezensiert –, sieht man aber, dass diese Dimension ihm schon immer wichtig war: So hieß sein erster Band „Erdzeit“ (1987), sein zweiter „Im Fluß der Zeit“ (1989).
Arbeit am zehnten Band
Und: Friedrich Hirschl arbeitet an seinem 10. Band, der 2027 in der edition lichtung erscheinen wird. Der Arbeitstitel ist „Zeit tropft aus den Wolken“. Im fünf Jahresrhythmus bringt er seine Bücher heraus. Seit 2022 sind rund 170 Gedichte geschrieben. Er sagt: „Es geht eigentlich immer um Zeit.“ Der Arbeitstitel ist eine Gedichtzeile – auch die Kapitelüberschriften werden es wieder sein. Er will einen poetischen Titel, das war auch in den vergangenen Jahren so. Sehr geprägt hat ihn der Passauer Verleger Karl Stutz, der mit ihm drei Bücher herausbrachte: „Herbstmusik“ (2006), „Nachthaus“ (2009) und „Flussliebe“ (2012). „Ich habe viel von ihm über das Büchermachen gelernt“, sagt er über den Verleger, der 2015 starb. Stutz hatte auch empfohlen, Werke von Bernadette Maier als Coverebild für die Bände zunehmen. Hirschl erinnert sich noch sehr genau, wie er dem Verleger, der auch kein Autorfahrer war, im Zug in die benachbarte Donaustadt gefahren und ins Atelier der Künstlerin gegangen ist. Er sei überrascht gewesen, wie gut ihre Malerei zu seinen Gedichten passt.

Literarische Heimat in der edition lichtung
Dass er in der edition lichtung eine neue verlegerische Heimat gefunden hat, freut ihn besonders, weil dort eine angenehme und offene Atmosphäre herrsche. An Kristina Pöschl wird er Ende des Jahres die Gedichte schicken.
Der lichtung verlag erhielt gerade den Deutschen Verlagspreis 2026, verliehen auf der Frankfurter Buchmesse von Kulturminister Wolfram Weimer. Als einer von 78 Verlagen wurde der Verlag aus Viechtach mit dem Gütesiegel und mit einer Prämie in Höhe von 18.000 Euro ausgezeichnet.
Friedrich Hirschl selbst hat auch bereits einige Auszeichnungen erhalten, auf die er mit Recht stolz ist: 1992 die ELK-Feder des Ernste-Lyrik-Kreises München, 2008 war er Preisträger des „Wasserpoesie“-Lyrik-Wettbewerbs, 2015 erhielt er den Kulturpreis des Landkreises Passau auf dem Gebiet der Literatur, 2018 den Kulturellen Ehrenbrief der Stadt Passau für sein dichterisches Schaffen. 2018 wurde ihm noch eine andere Ehre zuteil; sein Gedicht „Das Stück Erde aus dem Band „Stilles Theater“ wurde im Bücher Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers „Gedicht des Monats Februar“.
Lesung ist die Geburtstagsfeier
Was er an seinem 70. Geburtstag macht? „Gar nichts“ sagt Friedrich Hirschl und lächelt. Die Familie geht zum Italiener essen; Tochter Miriam kann nicht dabei sein; sie pendelt derzeit zwischen Berlin und Zypern.
Seine Geburtstagsfeier bereitet ihm die Europabücherein der Stadt Passau mit der Lesung unter dem Titel „Zeitspuren“ am 23. Oktober um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Wer will, kann einen Platz reservieren unter 0851/929890 oder unter europabuecherei@passau.de
Friedrich Hirschl wird aus seinen beiden letzten Büchern lesen; „Stilles Theater“ und „Ein Rest von Blau“. Die Einführung hält Dr. Stefan Rammer.
Und danach freut er sich auf den Winter. Auch wenn er dem Leistungssport schon lange Ade gesagt hat und seitdem keine Rückenprobleme mehr verspürt: eine Woche Skifahren in kleinen Skigebieten in Südtirol ist für ihn immer noch eine „riesige Freude“.