„Roberto Zucco“ am Landestheater Niederbayern
„Ich mag die Frauen sehr“ , sagt er – und bringt seine Mutter um; vergewaltigt ein junges Mädchen, entführt eine Mutter und ihren Jungen, den er tötet. Und das sind nur einige der Leichen, die den Weg des Robert Zucco im gleichnamigen Schauspiel von Bernard-Marie Koltès säumen. Beim historischen Roberto Succo (1962-1988) waren es ungleich mehr als im Theaterstück des Franzosen.
Am Samstag hatte das Stück am Landestheater Niederbayern in Passau in der Regie von Markus Bartl Premiere. Auf was man im Passauer Theater unbedingt verzichten sollte: Das Spielen mit Mikroports. Im Landshuter Theaterzelt ist es sinnvoll; im Passauer Theaterraum nur störend in der Mimik der Schauspieler und in der Optik der Zuschauer.
Symbolisch aufgeladener Raum
Der Regisseur und sein Ausstatter Philipp Kiefer lassen das Stück in einem symbolisch aufgeladenen Raum spielen: eine schräge versetzte hohe Ziegelmauer ist schwarz und weiß, erinnert an ein Gefängnis; die Spirale, die teilweise rotiert, wirkt wie das Leben, dessen Achse hier die Titelfigur ist. An der düsteren Wand hängt ein Fahndungsfoto. Die Bühne kommt mit wenigen Versatzstücken und Requisiten aus, wie z. B. eine Truhe mit verschiedenen Funktionen und mehrere Türen, die der Zuschauer erst bemerkt, wenn es Auf- und Abtritte gibt. Die Kostüme verweisen auf reale Personen und ihre Bedeutung.
Weder Biopic noch Seelendrama
Die 15 Szenen sind irreal verortet. Der Autor, der das Thema Mörder auch am Beispiel „Raskolnikoff “ bearbeitet hat, war wohl von der realen Person Succos fasziniert. Das Stück ist aber weder ein Biopic noch ein Seelendrama. Vielmehr zeigt es Mechanismen in der Gesellschaft auf. Diese Gesellschaft ist durchwegs negativ gezeichnet. Im Milieu des Täters wird geprügelt, in der Familie der beiden Schwestern wird geprügelt; in der Kneipe sowieso.
Roberto Zucco ist aus dem Stand raus gewaltbereit – wie ein Springmesser. Ohne Motiv, ohne Ziel. Und: Die Gesellschaft schaut zum einen weg, wie die Gefängniswärter oder auch die Polizisten bei ihrem Streifengang; zum anderen applaudiert die Gesellschaft dem Täter und genießt mit einem Glas Sekt in der Hand die Entführung einer Theaterbesucherin und ihres Kindes wie ein unterhaltsames Schauspiel, das man unbedingt fotografieren muss. Und als Drittes: Sie lässt sich manipulieren bestätigt den Mörder in seinen Thesen und schizophrenen Träumen, wenn ein Chor aus Spurensicherern oder Rechtsmedizinern in Weiß dem „Helden auf dem Sockel“ freudig johlend zustimmt und ihn euphorisch beklatscht. Vor seinem Sturz in den Abgrund klappt das Bühnenbild herab und es strahlen OP-Leuchten wie eine abstrakte Sonne. Sie ist hier kein Lebensspender, sondern ein tödlicher Stern.
Stefan Merten in der Titelrolle
Stefan Merten ist einer wandlungsfähigsten Schauspieler im Ensemble des Landestheaters Niederbayern. Das hat er schon in zahlreichen Produktionen gezeigt; er kann lustig und tragisch. Und er kann Zucco. Der ist weder lustig, noch tragisch. Er ist der Antiheld, der eigentlich unsichtbar in der Masse bleiben will und fast emotionslos durch die Szenerie marschiert. Und doch: Seine Stimme kann so schmeichlerisch sein, wenn er ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Mutter andeutet; so lockend, wenn er als einsamer Wolf mit Mädchen spricht und so absolut gleichgültig gegenüber der Entführten und ihrem Kind. Und er fühlt sich wie ein Hund, entblößt, bellend und knurrend. Er ist ein absoluter Außenseiter. Merten – mit schwarz geschminkten Augen – hat eine raumgreifende Bühnenpräsenz.
Eindringliche Bilder, beklemmende Szenen

Markus Bartl schafft eindringliche Bilder und beklemmende Szenen, über denen stets offene oder latent spürbare Gewalt liegt. Die trauernde Mutter (Paula-Maria Kirschner) wird ohne Gefühlsregung erwürgt; das wehrlose Kind kaltblütig erschossen. In der Familie der beiden Mädchen stehen Prügel der Eltern (Larissa Sophia Far und Joachim Vollrath) auf der Tagesordnung. Durch die elegante Dame (Friederike Baldin), die Zucco entführt, lässt der Autor das „Stockholm-Syndrom“ aufblitzen (Opfer verliebt sich in den Täter), das in den 70-er und 80-er Jahren in den Medien diskutiert wurde.

Grotesk wirkt die Szene mit den puppenähnlichen entindividualisierten Frauen am Straßenstrich, die schließlich darin endet, dass der Bruder (Benedikt Schulz) seine Schwester (Katharina Schmirl) an einen Zuhälter (Stefan Sieh) verkauft. Fest im Griff hat Patronne (Antonia Reidel) ihre Jungs und Mädchen im Rotlichtmilieu.
Eine Hoffnungsträgerin, die aber auch ihrer Welt nicht entkommen kann, ist die Schwester des Mädchens (Tabea Günther gibt diese Rolle sehr berührend). Sie will ihre kleine Schwester – beide tragen Kinderhängerchen und Kniestrümpfe – vor dem Erwachsenwerden mit aller Kraft behüten; es gelingt ihr nicht.
Bartl schuf auch Möglichkeiten zu schmunzeln, wenn etwa die Polizisten (Joachim Vollrah und Stefan Sieh), sich, am Boden robbend, aus der Schusslinie nehmen oder wenn Kommissar (Jochen Decker) und Inspektor (Joachim Vollrath) vor der Vernehmung witzige Lockerungsübungen machen und Tischtennis spielen – das alles mit köstlicher Körpersprache.
Zur geheimnisvollen, manchmal mystischen Atmosphäre trugen auch die Lichtregie, der Einsatz von viel Bühnennebel und nicht zuletzt die Theatermusik bei. Niklas Handrich schuf einen Sound, der aus Alltagsgeräuschen, psychodelischen Klängen, vielen Miniaturen, aber auch die Handlung vorantreibenden Momenten bestand, wie zum Beispiel der Pausengong.
„Roberto Zucco“ ist packend inszeniert, aber kein bequemes Stück. Es hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Am Ende muss sich eigentlich jeder die Fragen stellen: Wie gehe ich mit Gewalt um? In welcher Form lasse ich mich manipulieren?
Weitere Vorstellungen:
in Landshut:
30., 31. Mai; 14. Juni
Tickets: Tel. 0871/922 08 33
in Passau:
16., 22. Mai
Tickets: Tel. 0851 / 929 19 13