Von der Sakralmusik bis zum Schlager:
Vom Mittelalter bis heute
Zum fünften Mal findet eine Bayerische Landesausstellung in Niederbayern statt. Nach Straubing, Passau, Zwiesel und Aldersbach ist heuer Freyung im Bayerischen Wald der Austragungsort der großen kulturhistorischen Schauen, die das Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg in allen sieben Regierungsbezirken ziemlich paritätisch zeigt. Ziel war und ist es, einer breiten Bevölkerung Geschichte nahe zu bringen. Und das seit 1976.
Ich gehöre zu den jährlichen „Landesausstellungstouristen“, die sich gerne auch in entfernte Teile des Freistaats begeben und historisches „Neuland“ entdecken – seien es Persönlichkeiten, Örtlichkeiten, Themen, Epochen und Entwicklungen. Ich habe ein Jubiläum: Es ist meine 20. Landesausstellung. Wie sehr hat sich dieses Format doch entwickelt! Weg von reiner Wissensvermittlung zu einem Erlebnis für alle Sinne!
Diesmal brauche ich nicht weit zu fahren. Der sagenhafte Bayerische Wald liegt gleich hinter den Grenzen des Landkreises Passau. Die aufstrebende Stadt Freyung mit ihren 7.213 Einwohnern (Ende 2025) ist für mich natürlich kein „Neuland“ im Gegensatz dazu für einige der Kollegen, die zu diesem ersten Presserundgang ins Tonyversum nicht nur von der bayerischen Hauptstadt, sondern auch aus Österreich und Tschechien angereist sind.
Loibl: Lust am Erzählen, Lust am Herzeigen

„Neuland“ gibt es in mehrfacher Hinsicht. Erstmals wird sich eine Landesausstellung der Musik widmen. Erstmals ist eine durchgehendes akustisches, inhaltlich divers tönendes Klangbild gespannt, vom Einlass bis zum Ausgang. Und: Erstmals wird eine immersive Ausstellung gezeigt, was heißt: Die Schau bietet ein multimediales Erlebnis mit vielen Mitmachstationen, „ohne die wissenschaftliche Seite zu vernachlässigen“, wie Dr. Richard Loibl, der Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte in Augsburg betont. Der gebürtige Hengersberger ist seit 2007 an der Spitze dieser Institution, die seit 2019 mit dem Museum der Bayerischen Geschichte ein weiteres Standbein in Regensburg hat. Neben der Landesausstellung, die jährlich durch Bayern tourt, gibt es weitere Ausstellungsformate sowie eine breite Palette an Publikationen. Loibl betont bei seiner Begrüßung, die Ausstellung verstehe sich als Zeitreise durch die bayerische Musik. „Wir haben eine Lust am Erzählen und eine Lust am Herzeigen.“ Der bayerische Kunstminister Markus Blume gibt zu verstehen, dass er die Ausstellung als Liebeserklärung an den Freistaat versteht.
Wo eine Liebe erklärt wird, braucht es auch offene Ohren des Adressaten. Die kann man beim Thema Musik auch erwarten. Die ersten Adressaten waren jedenfalls rundum begeistert.
Das ist die Schau

Erstmals betritt der Besucher eine Landesausstellung über ein Kino. Das Cineplex der Passauer Kinodynastie Vesper im Zentrum der Stadt präsentiert eine klang- und bildgewaltige Story über Menschen, ihre Geschichte und ihre Musik – und das ganz ohne Worte. Grimme-Preisträger Christian Lex, Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur aus Eggenfelden, bietet ein gefühlvolles Einschwingen auf das Thema Musik. Der Film hat mehrere Ebenen. Man kann einfach nur schöne Bilder und Klangbilder hören oder auch Beziehungen zu mancher musikalischen und historischen Entwicklung ziehen sowie zum oft harten Leben im Bayerischen Wald oder dem turbulenten in der Landeshauptstadt. Wer Fantasie hat, assoziiert eine Geschichte des Überlebens und dass Musik heilsam durch alle Wirrnisse des Lebens trägt. Die Emotionen werden angesprochen.
Dann geht es über eine Klaviatur mit Musik in den eigentlichen Ausstellungstrakt: Das Pröbstlhaus von 1872 war früher ein Färberhaus, Wirtshaus, Tanzcafé und Musikgeschäft. Nur rund zwei Jahre fand die Sanierung des denkmalgeschützten Baus statt.
Bayerisches Spektakel
Auf der ersten Ausstellungsfläche wird der Besucher mit einem „Bayerischen Spektakel“ empfangen. In einer multimedialen Show und eigens dafür komponierter Musik zieht der Ausstellungstitel quasi wie in einem großen Festzug an den Besuchern vorbei – nur in schwarzen und bunten Silhouetten und auf farbkräftigen Background dargestellt. Zugleich präsentiert der Raum die Spannbreite der Schau von Volksmusik bis zu den großen Musikfesten, von traditionellen Klängen bis zur Rockmusik der Rolling Stones, die als Marionetten der Augsburger Puppenkiste dabei sein dürfen.

Zeitkapseln und Inszenierungen
„Zeitkapseln“ nennt der Projektleiter der Ausstellung und Historiker Dr. Peter Wolf die Abschnitte der Schau in drei Stockwerken auf 1000 Quadratmetern – was nicht groß ist. In die einzelnen Zeitkapseln ist also viel hineingepackt, so geht die erste Abteilung vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Die zweite führt vom 19. Jahrhundert rasch in die Gegenwart. Der Parcours beginnt bei der Musik der Mönche im Mittelalter, geht über die Volksmusik über die höfische Musik bis zur bürgerlichen Musikkultur und der Gegenwart mit ihrer Populärmusik. Die Spannweite reicht von der Sakralmusik bis zum Schlager. Katholische Kirchengesänge von Wettenhausen werden ebenso ausgestellt wie die Playlist von Fredl Fesl. Touristische Mitbringsel von musikalischen Ereignissen gab es einst wie jetzt, was ein Halbliterkrug mit dem Konterfei Richard Wagners von Villeroy & Boch aus den 1890-er Jahren ebenso deutlich macht wie Freundschaftsarmbänder von US-Star Taylor Swift aus einer Plattlinger Sammlung von 2024.
Die Räume werden gut inszeniert. Auf Texttafeln werden Entwicklungen knapp und präzise erklärt – es ist allerdings fast zu dunkel, um sie zu lesen. Die Ausstellungsarchitektur (Friedrich Pürstinger) nutzt zwar sehr geschickt die Winkel des Gebäudes aus, um möglichst viele Themen unterzubringen. Insgesamt ist die Ausstellung allerdings recht dunkel, was bei den niedrigen Decken und der Enge nicht optimal ist.
Glanzlichter unter den Exponaten

Dafür kommen die gut ausgeleuchteten Ausstellungsstücke strahlend zur Geltung. Highlights; die erste Klarinette der Welt, die in Augsburg erfunden worden ist, das Hörrohr Beethovens, ein noch nie ausgestelltes Ölgemälde von Max Littmann, das das Münchner Prinzregententheater zeigt, sowie eine silberne Kinderrassel aus Augsburg.
Instrumente

Den Instrumenten und ihrem Bau ist eine Abteilung gewidmet. Schön, dass man den Geigenbau in Bayern nachvollziehen kann, der in Füssen entstanden ist und in Mittenwald seinen Höhepunkt hatte. Auch die Blasinstrumente finden ihren Platz. Ein besonders exquisites und wertvolles Instrument ist eine Tenorposaune aus Altötting von 1576 und Silbertrompeten aus Nürnberg aus dem 18. Jahrhundert. Auch der Zitherbau und die Rolle von Sisis Vater – Herzog Maximilian Joseph wird gewürdigt; der Regensburger und Passauer Instrumentenbau wird gestreift. Als besonderes Experiment sticht die Glasdarabuka von Heinz Grobmeier (Hemau) hervor, deren Corpus aus der Glashütte Poschinger stammt. Aus dem 20. Jahrhundert werden z. B. auch die Klarinette von Liesl Karlstadt und die Zither von Karl Valentin gezeigt.
Musikalische Zentren: München und Nürnberg

München mit der höfischen Musik Orlando di Lassos und Nürnberg mit seinem „Großen deutschen Sängerfest“, das einen Meilenstein für die Amateurchormusik setzte, sind die exponierten Städte der bayerischen Musik. Dort liegt in der Ausstellung der Schwerpunkt. Bayreuth ist natürlich mit Richard Wagner und seinem Musiktheater vertreten, Regensburg mit einem reizenden Papiertheater von ca. 1850 aus dem Schloss Emmeram. Von Passau ist das einzige Porträt eines Passauer Hofmusikers und Komponisten aus dem 18. Jahrhundert zu sehen, das aus dem Oberhausmuseum Passau stammt. Es zeigt Franz Schwarzmann, Violinist und Fagottist.
Jüdische Musik
Auch der jüdischen Musik ist ein Kapitel der Schau gewidmet. Themen sind u. a. der Bau von Synagogenorgeln und die gesellschaftliche Teilhabe der jüdischen Mitbürger. Ein Ölbild von René Reinicke aus dem Jahr 1892 zeigt Dirigenten Hermann Levi. Der Holocaust ist ebenfalls thematisiert, zum Beispiel am Schicksal der Komponistin Lola Sinz.
Internationale Gäste
Die Landesausstellung begibt sich auch auf die Spuren internationaler Gäste, die schließlich auch die Musikkultur Bayerns geprägt haben. Beispiele sind Elvis Presley, der während seiner Militärjahre in Grafenwöhr sein legendäres Konzert in der „Micky Bar“ gab oder die Rolling Stones und die Beatles, die in München auftraten. Queen-Sänger Freddie Mercury lebte und arbeitete von 1979 bis 1985 zeitweise in München.
Volksmusik
Die alle gesellschaftliche Schichten umfassende Volksmusik ist mit schönen Exponaten vertreten. Als Beispiel sei der Volkssänger Roider Jackl genannt, den Bildhauer Hans Osel auf einen Marmorsockel stellt (1975/77). Das ist auch der Schwerpunkt der musikalischen Aktivitäten von Freyung, die mit ihrer Volksmusik-Akademie Instrumental-, Gesang- und Tanzgruppen, Chören oder Orchestern zur Verfügung. Auf einem Areal mit rund 7000 Quadratmeter ist eine neue Heimat für Volksmusikanten, Sänger und Tänzer und bietet zudem ein gutes Seminar- und Konzertprogramm an.
199 Konzerte an 199 Ausstellungstagen

Zurecht ist Bürgermeister und Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich stolz darauf, dass sich seine Kommune als Musikstadt etabliert hat. Freyung wurde 2025 Landesmusikort des Jahres. Dieser Preis ist damit erstmals nach Bayern gegangen.
Das ist auch absolut neu bei einer Landesausstellung: Akademie-Leiter Leiter Roland Pongratz wahrlich ein Mammutprogramm auf die Beine gestellt hat: Die Landesausstellung dauert 199 Tage und es wird 199 Tage ein Konzert geben! Sie finden das Gesamtprogramm auf diesem Blog.
Pongratz hat dabei die Konzerte inhaltlich gegliedert und in Kategorien eingeteilt; so gibt es z. B. Musica sacra, Dorfplatzmusik, Gewölbe-Sitzweil, Gipfelglück und eine Landkreis-Tour.
Bühne frei für die Besucher!
„Die Musik gehört natürlich in Bayern zum täglichen Leben“, sagte Richard Loibl, der Chef des Hauses der Bayerischen Geschichte. Sie werde zur Repräsentation eingesetzt und mit ihr werde Politik gemacht. Zudem gebe es nicht nur durch die Gastspiele Verbindungen zu den englischen Weltstars von den Stones oder den Beatles, betonte Loibl. Denn diese Musiker hätten sich ihre Instrumente teils von Herstellern aus dem Freistaat geholt.
„Ob Musik vor 500 oder 5 Jahren geschrieben wurde, sie gehört zum Sound der Gegenwart“, sagte Ausstellungsmacher Richard Loibl. So endet die Ausstellung damit, dass die Besucher animiert werden, selbst Musik zu machen: Bühne frei für die Besucher!
Die Ausstellung zeigt auch: Bayerns Musiklandschaft ist so vielgestaltig, dass sie kaum abzubilden und auszudeuten ist. Wer sich vertiefen will, sollte den Katalog mit erhellenden Gedanken, informativen Aufsätzen und klugen Essays unbedingt mitnehmen.
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Veranstaltungsort
TonYversum
Schulgasse 18
94078 Freyung
Öffnungszeiten
- April – 8. November 2026, 199 Tage, täglich
Montag bis Freitag9 – 17 Uhr
Samstag, Sonntag und Feiertage9 – 18 Uhr
Der letzte Einlass in die Ausstellung ist bis 30 Minuten vor Schließung möglich.
Katalog, Pustet Verlag, 240 Seiten, 24 Euro
Führungen für Schulklassen
Jeweils angepasst an Schulart und Jahrgangsstufe nach Absprache
60 Minuten, 5 €, max. 25 Personen pro Führung, Eintritt frei
Aktion bis Ende des Schuljahres 2025/26:
Schülerinnen des Gisela-Gymnasiums Niedernburg in Passau führen Ihre Schulklasse
Schülerinnen der 11. Jahrgangsstufe haben im Rahmen eines P-Seminars eine abwechslungsreiche Führung durch die Bayerische Landesausstellung für Schulklassen erarbeitet.
60 min, 80 €, max. 25 Personen pro Führung, Eintritt frei, Deutsch
Info & Buchung
Stadt Freyung Veranstaltungs gGmbH
Tel.: +49 8551 588 177
E-Mail: info@musikin.bayern
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