Ein tyrannischer Prinz läutert sich

Ist ein Gefangener: Sigismund (Julian Ricker). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

„Das Leben ein Traum“ am Landestheater Niederbayern

Einen Giganten der Theatergeschichte hat Intendant Stefan Tilch in seiner letzten Saison am  Landestheater Niederbayern auf den Spielplan gesetzt: Das Schauspiel „Das Leben ein Traum“ von Pedro Calderón de la Barca (1600 – 1681). Der spanische Hofdichter schrieb es 1636; nimmt man die Versausgabe in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel zur Hand, scheint das Stück doch sehr aus der Zeit gefallen.

Nicht so am Landestheater Niederbayern. Tatsächlich war ich bei dieser Produktion nicht in der Premiere in der Osternacht, sondern in der Dernière am Sonntag im Passauer Stadttheater, das bis in den zweiten Rang hinauf gut besucht war.

Prosafassung mit vielen Strichen

Die erste gute Entscheidung von Regisseur Peter Oberdorf war, die deutsche Prosafassung von Ernst Reinhardt zu wählen; zudem hat er die Fassung noch gekürzt und verdichtet, was dem Stück gut tut. Zum zweiten entschied er sich gegen ein Historiendrama und für eine poetische, in einer Traumwelt angesiedelten Inszenierung. Er setzt auf starke Bilder: Wenn gleich zu Beginn Sigismund ein fast nackter Gefangener in einer riesigen Seifenblase ist; wenn sich die grotesken Kostüme von Estrella und Rosaura sowie das Faschingsprinzen-Kostüm von Astolfo gegen das Schwarz der Bühne markant abheben; wenn Sigismund als silberner Prinz zum Tyrannen wird und dann in sein Turmverlies zurückkehren muss. Da schwirren Bilder durch seinen Kopf, die Florian Rödl wunderbar umsetzt: Tage der Kindheit am Land, Mohn- und Magerittenfelder, Holz, Wasserfälle, aber auch rollende Panzer, Häuserfluchten. Und immer wieder läuft eine Matrix über die Bühne. Ist unser Leben nur eine perfekte Computersimulation? Was bedeutet Schicksal?

Basilius, der König von Polen, will wissen, ob die Weissagung, dass sein Sohn ein Tyrann werden wird, zutrifft – und holt den Verbannten für einen Tag zurück.

Julian Ricker spielt Sigismund facettenreich. Er ist der – auch in seiner Körperhaltung – gekrümmte, nicht an den aufrechten Gang gewöhnte Kaspar-Hauser-Typ (gute Maske!), der sich dann blitzschnell zum schillernden Despoten wandelt. Er will, dass alle für sein Leid bezahlen. Und läutert sich dann doch – aus eigener Kraft – zum gerechten Herrscher. Ricker ist ein ausgezeichneter und pronocierter Sprecher; Sigismunds großer Monolog lässt an Textdeutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Ein großes und sehr philosophisches Textvolumen bewältigt Joachim Vollrath als Basilius; er legt den kranken König zwischen Pflicht und Vaterliebe an.

Personal aus der Typenkomödie

Buhlen um die Gunst des Königs (Joachim Vollrath, Mitte): Estrella (Friederike Baldin) Astolfo (Paul Behrens). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Das andere dramatische Personal ist wie in einer Typenkomödie gestaltet. Estrella (Friederike Baldin) und Astolfo (Paul Behrens) will den alten König beerben und übt schon mal Herrscher-Posen. Clotaldo, Sigismunds Erzieher, hängt sein Fähnchen in den Wind. Rosaura und ihr Diener Clarin sind die beiden Außenseiter, die der Regisseur vom Parkett aus auftreten lässt. Rosaura (Katharina Schmirl) will ihren Geliebten (Astolfo) zurück – und Clarin (Stefan Sieh) schlägt sich mit Schläue und Mutterwitz durchs Leben. Sie sind zwei typische Figuren im spanischen Theater: Sie wechselt zwischen Frauen- und Männerrolle; er gibt einen „gracioso“, der eine Narrenfigur im spanischen Barocktheater war. So komödiantisch sah man Stefan Sieh noch nie! Eine köstliche Anspielung auf die Spielweise des Barock, wenn Clarin, der sich vor dem Tod verstecken will, von Kugeln getroffen wird und „Blut“ aus seiner Jacke zieht.

 

Gibt als Clarin eine Narrenfigur, wie sie typisch im spanischen Barocktheater ist: Stefan Sieh. © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Trotzdem gibt es Momente der Inszenierung, die sich nicht erklären: z. B. wenn der Vorhang weggeht und die Sicht auf die Hinterbühne freigibt, was die poetische Ästhetik empfindlich stört. Oder wenn Clarin, der sich vor dem Tod verstecken will, von Kugeln getroffen wird und „Blut“ aus seiner Jacke zieht. Ein Lacher, mehr nicht.

Originelle Kostüme

Die Kostüme (Katharina Raif) sind originell. Sie wirken teils wie eine Weiterentwicklung von Oscar Schlemmers „Triadischem Ballett“; in ihrer Opulenz kann man sie auch als Parodie auf die barocke Kleidermode sehen. Clarins Hose erinnert in der Form an die Hosen der Pierrots. Die Kostüme Sigismunds beschreiben seine Seelenlage: armselig auf sich selbstgeworfen nur im Slip, in glitzerndem Prunk als tyrannischer Herrscher und in edlem Schwarz als geläuterter Herrscher – wie ein Ritter aus einer anderen Welt.

Das Bühnenbild (Oberdorf und Raif) ist raffiniert: Ein schräg gestellter Spiegel auf dem Bühnenboden hat seine Entsprechung in der Höhe – und zeigt die Darsteller und ihre Rollen verzerrt.

Am Ende gibt es wieder einen Weggesperrten. Der Soldat (Stefan Merten), der den König verraten hat, muss in Isolationshaft – und ist in der riesigen Seifenblase.

Im Programmheft ist leider nicht vermerkt, wer die Klangkulisse entwickelt hat. Sie war sehr passend: von poetisch bis aufregend.

Abschied vom Landestheater

Mit dieser fantasievollen und ästhetisch gelungenen Inszenierung verabschiedet sich Peter Oberdorf in seiner Funktion als Dramaturg und Regisseur aus dem Team des Landestheaters Niederbayern.