Kühner „Parsifal“ mit Happy End

Der Erslöser und die Erlösten: Parsifal (Hans-Georg Wimmer, l.), Kundry (Yamina Maamar) und Amfortas (Peter Tilch), © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Wagners Bühnenweihfestpiel am Landestheater Niederbayern

 

Noch bevor sich der Vorhang hebt, ahnt der Theaterbesucher, wohin die Reise geht: zu Selbsterkenntnis und Erleuchtung. Denn das ist die Bedeutung der Lotusblüte, die stilisiert und doch gut erkennbar auf dem Vorhang im Theaterzelt in Landshut zu sehen ist. Dort hatte das Bühnenweihfestpiel „Parsifal“ von Richard Wagner, sein letztes Musikdrama aus dem Jahr 1882, am Gründonnerstag Premiere. Es ist zugleich das Ende der Wagner-Reihe, die Intendant Stefan Tilch und Generalmusikdirektor Basil H. E. Coleman am Landestheater Niederbayern wagten. Und es ist das Ende einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit, die das Stadttheater in neue Räume führte, materielle wie ideelle – und vor allem musikalische. Es ist die letzte Saison von Intendant und Generalmusikdirektor.

Letzte Saison für das Duo Tilch/Coleman

Intendant und Regisseur Stefan Tilch versetzt die Gralsritter in eine Glaubensgemeinschaft, die sich im Laufe der Inszenierung immer mehr als eine in der asiatischen Welt beheimatete darstellt. Schon im ersten Akt weisen die Bühnenkostüme (Ursula Beutler) darauf hin. Die langen Kutten in Grau und Orange erinnern in Form und Farbe an die Glaubensgemeinschaften der Mönche in Asien, wobei Orange als Farbe der Erleuchtung gilt. Das Grau könnte symbolisieren: Davon ist diese Gemeinschaft noch weit weg. Die Sänger tragen Kothurne, hohe und klobige Plateau-Schuhe, die aus dem hellenistischen Theater kommen, aber auch z. B. im japanischen Theater getragen werden. Dass diese Glaubensgemeinschaft gar nicht so einmütig und diszipliniert ist, zeigen die Stupser und Rempler, das seltsame Kratzen und Jucken und sogar ein Stock kommt zum Einsatz.

Knallbunt und lasziv: die Blumenmädchen Klingsors ((Emily Fultz, Theresa Krügl, Sabine Noack, Natasha Sallès, Reinhild Buchmayer, Réka Szabó und Damenchor). © Landestheater Niederbayern/Peter LitvaiVollends in die asiatische Welt driftet Klingsors Zaubergarten ab. Die Blumenmädchen (Emily Fultz, Tha Krügl, Sabine Noack, Natasha Sallès, Reinhild Buchmayer, Réka Szabó und Frauenchor) erinnern an  Kabukicho in Tokio, wo sich Frauen in herrlichsten und ausgefallenen Kostümen – die Geisha ist nur noch was für Touristen –  präsentieren und prostituieren. In Pop-Art-Farben, aufwändigen und lustigen Kostümen ist das die Gegenwelt zur strengen Glaubensgemeinschaft. Im Hintergrund der Bühne läuft ein Film mit asiatischer Schrift.

Zu viel Visualisierung

Wild und hektisch wird es durch eine Videoeinspielung zu Beginn über den Moloch Großstadt und Mediennutzung. . .  Da kann der Zuschauer vielleicht über sich selber lachen, aber was hat das mit Parsifal zu tun? Der Wunsch nach Bebilderung von Musik hat da die Sinnhaftigkeit überwogen. Ebenso beim Kampf Parsifals mit den Mannen, die den Zaubergarten Klingsors bewachen. In mystischem Wald findet er statt – nicht nur visuell, sondern mit Geräuscheffekten, die durchaus Schmunzler hervorrufen. Aber: das stört die Musik! Liebe Theatermacher: Vertraut darauf, dass sich die Besucher voll auf Musik einlassen und sie genießen wollen. Nicht jedes Vorspiel und jede Zwischenmusik muss visualisiert werden, auch wenn die eingespielten Videos von Florian Rödl sehr gut gemacht sind.

Tolles Bühnenbild

Wandlungsfähig duch Lichtregie und Umplatzierung zeigt sich das Bühnenbild von Thomas Dörfler. Hier eine Szene mit Parsifal und dem Chor, der die weißen Kleider, wie Blütenblätter der Lotus hält. © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Höchst gelungen ist das Bühnenbild von Thomas Dörfler. Es besteht aus mehreren LED-Stelen und einem Background, der eine optische Verlängerung zeigt. Die Elemente sind leicht verschiebbar. Sie sehen mal aus wie hohe Säulen, die in einer Blume münden, oder wie ein Gewölberaum in Schloss oder Kirche, je nachdem, wie sie gedreht werden. Zudem können sie verschiedene Stimmungen erzeugen, mal eine frostige in Blau und Weiß, mal eine warme in Rot und Orange. Das Bühnenbild trägt mit seiner Variabilität den gesamten Abend. Die Backsteinwand wirkt dagegen etwas seltsam.

Die theologisch-christliche Deutungsweise lässt Stefan Tilch außen vor: Gral, Speer, Wunde und Taube sind nur Gedankenkonstrukte. Dass er sie aber gestisch und mimisch von seinen Künstlern darstellen lässt, führt oft zu unfreiwilliger Komik. Und verspielt zahlreiche Theatereffekte. Man kann dies aber auch als Kritik an Glaubensgemeinschaft und Sekten interpretieren, die in gleichförmigen und leeren Bewegungen Wagners Vorspiel visualisieren. Diese seltsame Gymnastik hat Sunnyi Prasch entworfen.

Strammer Gang durch die Partitur

Auf die musikalischen Affekte setzt die stark vergrößerte Niederbayerische Philharmonie unter Generalmusikdirektor Basil H. E. Coleman mit der musikalische Assistenz von Peter WesenAuer.

In Landshut sitzen 70 Musiker im Graben; 60 werden es im Straubinger Theater am Hagen sein; in der Passauer Dreiländerhalle wird der Streicherapparat vergrößert und es spielen 80 Künstler. Man kann nur erahnen, wie viele Probestunden absolviert werden müssen, um die Gastmusiker (meist aus Regensburg und Linz) so gut zu integrieren. Schon das ausgedehnte und herrlich musizierte Vorspiel ließ die Themen erklingen, die Wagner in seinen Erläuterungen für Ludwig II. „Liebe-Glaube: Hoffen?“ Der eher für schnelle Dirigate bekannte Coleman zügelt sich, wo nötig, führt seine Musiker aber stramm durch die Partitur. Pathos lässt er ebenso wie Regisseur Tilch nicht zu. Den Spannungsbogen dieser langen Oper können die Musiker und ihr Dirigent solide halten. Dass einiges anders klingt als an großen Häusern mag nicht verwundern, denn Orchester und Sänger sind verstärkt. Das ist nicht immer gut gesteuert. So kommen die (von mir geliebten Blechbläser-Partien) zu laut und scharf rüber; der Chor (Einstudierung: Guiran Jeong) lässt Textdeutlichkeit vermissen. Vermissen kann man auch die weichen Wagner-Tuben, die in dieser Inszenierung nicht zum Einsatz kommen. Ein extra Glockenklavier hat der Komponist für „Parsifal“ entwerfen lassen. Das Landestheater Niederbayern behilft sich mit Röhrenglocken, die allerdings zu wenig wuchtig rüberkommen.

Überzeugende Solisten

Er war ein wunderbarer Gurmenanz: Stephan Bootz. © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Exzellent ist die Besetzung dieser „Parsifal“-Produktion, die die Personenregie Stefan Tilchs prägnant führt. Allen voran ist der Erzähler Gurnemanz zu nennen: Stephan Bootz. Der Bass vom Staatstheater Mainz, der am Landestheater bereits in den Wagner-Partien König Marke, Wotan und Wanderer zu erleben war, interpretiert raumgreifend und spannend den Gralshüter, der eine riesige Partie hat. Eindringlich ist seine Tiefe und glanzvoll seine Höhe. Titelfigur Parsifal singt Tenor Hans-Georg Wimmer. Er zeichnet die Entwicklung vom einfachen Tor, der arglos durch die Waldwelt stapft und einen Schwan schießt, zum Erlöser, der der Welt Klingsors entflieht, eindringlich nach. Die Heldentenor mit satter Stimme, der am Landestheater schon als Tristan beeindruckte, kann auch Lyrismen. Besonders eindrucksvoll ist die Szene mit Kundry, die Erkenntnis und Entsagung. Die Opern- und Liedsängerin, die auch Professorin für Gesang und Lehrpraxis an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden ist, war eine betörende Kundry, lavierend zwischen Verführerin und Dienerin. Die Mezzosopranistin gelingt der überbordende Gefühlsausbruch ebenso wie das zarte Piano, der Imperativ ebenso wie die Unterwerfung. Und das berühmte Kundry-Lachen, das in dieser Inszenierung zum Glück nicht überstrapaziert wird. Das alles stimmschön und mit großer Textdeutlichkeit.

Kyung Chun Kim (in toller Maske) gab den abtrünnigen Gralsritter Klingsor. Hier ist er kein Bösewicht, sondern gleicht einem Eunuchen in einem Kimono für Männer, der gerne mit seiner Katze spielt. In asiatischen Religionen sind Katzen Symbole für Erleuchtung und Frieden. Bass Kyung Chun Kim verleiht Klingsor eine solide Statur und will die Macht über Kundry nicht aufgeben.

Amfortas kann ihr widerstehen. Peter Tilch ließ vor der Vorstellung bekannt geben, dass er eine Erkältung auskuriert – und legte dann doch einen sehr beachtlichen Amfortas hin. Gespannt darf man auf die Interpretation in Passau warten.

Zwei Überraschungen

Eine Überraschung gab es am Anfang und am Ende: Die Vorstellung muss verspätet beginnen, weil die Kostüme in Passau liegengeblieben sind. Da zeigt sich die Flexibilität eines Theaters, das an drei Spielorten präsent ist. Ein Mitarbeiter setzte sich sofort ins Auto und holte sie rasch – trotz vieler Baustellen auf der Autobahn – aus Passau. Das Publikum nahm’s gelassen.

Das Ende bot einen Knalleffekt, den auch die Frankfurter Oper setzte: Kundry muss nicht sterben. Für Amfortas und Kundry (sie jetzt im roten Kleid der Verführerin) gibt es ein Happy End. Die seelische Wunde ist verheilt, und sie eilen als Paar zusammen fort. Das Publikum quittierte es mit großem Applaus.

Ein kühner, manchmal wilder, musikalisch  überzeugender „Parsifal“, auf den man sich einlassen sollte.

Weitere Vorstellungen

in Landshut:

  1. April; 2., 14. Mai

Tickets: Tel. 0871/922 08 33

theaterkasse@landshut.de

 

in Passau:

24., 29. Mai

Tickets: Tel. 0851 / 929 19 13

theaterkasse@passau.de

 

in Straubing:

  1. April

Tickets: Tel. 09421 / 944 69 199