Intendant Stefan Tilch zieht positive Bilanz

Neues Outfit: Stefan Tilch vor dem Pfalztheater Kaiserslautern, wo er gerade „Kiss me, Kate“ probt. © Sunny Prasch

Abschied vom Landestheater Niederbayern

 

Mit 33 Jahren ist Stefan Tilch zum Intendanten des Landestheaters Niederbayern (damals noch Südostbayerisches Städtetheater) gewählt worden und war damit der jüngste Intendant eines kommunalen Zweisparten-Hauses in Deutschland. Das Theater tragen die drei kreisfreien Städte Landshut, Passau und Straubing sowie der Bezirk Niederbayern. Er führte die Umfirmierung durch, lotste die drei Spielstätten durch Krisen wie z. B. Corona, die Hochwasserkatastrophe und die Dauerkrise, die durch die Baufälligkeit des Theaters am Bernlochner in Landshut entstanden war. Gleichzeitig servierte er einen anspruchsvollen und abwechslungsreichen Spielplan. Das Ende seiner letzten Saison steht bevor. Stefan Tilch wird verabschiedet mit der Gala „Arrivederci, Stefan!“ verabschiedet, moderiert von Thomas Ecker, am 19. Juli im Landshuter Theaterzelt. Die Gala präsentiert Höhepunkte von Stefan Tilchs Karriere, langjährige Wegbegleiter und emotionale Momente, wenn es heißt „Bis wir uns wiedersehen, Stefan!“.  Als Theaterkritikerin und Feuilletonredakteurin der Passauer Neuen Presse habe ich seinen Weg ebenfalls begleiten dürfen. Hier mein Interview zum Abschied.

Nach 24 Jahren lassen Sie das Landestheater Niederbayern hinter sich. Die antike Theatermaske kennt ein lachendes und weinendes Auge. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Stefan Tilch: Genauso. Wie alles im Leben geht auch diese Zeit zu Ende. Dann ist auch vieles daran aufregend und schön. Aber: Jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne. Gleichzeitig ist ein Abschied auch mit Wehmut und einer Abschiedstrauer verbunden. Beide Gesichter kann ich voll bestätigen.

Damals einen Nerv getroffen

Sie haben damals eine völlig andere Theaterästhetik am Haus entwickelt. Das war sehr risikoreich und mutig. Ist das – aus heutiger Sicht betrachtet – damals auch Ihrer Jugend geschuldet gewesen?

Stefan Tilch: Ja. Ich kam aus München von der Bayerischen Staatsoper und hatte Umgang mit der Weltelite des avantgardistischen Regietheaters. Die Erfahrungen aus Uni und Oper brachte ich ungefragt mit. Ich glaube, ich würde das heute vorsichtiger machen. Die Zeiten haben sich sowieso geändert; der Anspruch an Theater hat sich im Laufe der Jahre völlig geändert. In den Jahren, als ich anfing, war „der empörte Abonnent“ ein Teil von Erfolg und Wirkung. Wir haben damals einen Nerv getroffen, eine saturierte Gesellschaft ein bisschen gepiekt und Emotionen ausgelöst. Ich spreche von einer ganz anderen Bundesrepublik, als die, die wir heute haben. Heute müssen wir die Menschen woanders abholen – aus der stundenlangen Beschäftigung mit Handy und Medien. Wir müssen sie herauslösen aus einer Dauerkrise, in der wir uns bewegen. Die Aufgabe sehe ich im Moment völlig anders als damals.

Hat es für Sie jemals ein Problem bedeutet, dass sie drei Häuser  (Landshut, Passau, Straubing) mit drei unterschiedlichen Strukturen und drei anders funktionierenden Stadtgesellschaften bedienen müssen?

Ansässigkeit des Ensembles sorgt für Bindung

Stefan Tilch: Natürlich ist das eine sehr spezielle Konstruktion, anders kann man das Landetheater als Verbund von drei Städten gar nicht bezeichnen. Als Problem habe ich es nicht gesehen. Es war immer, wie es war. Man verbringt natürlich viel Zeit auf der Autobahn und flitzt zwischen den Spielstätten hin und her. Andrerseits liegen die Vorteile auf der Hand: Die einzelne Stadt bekommt zwei Sparten zum Preis von einer und spart so viel Geld. Und wir sind nicht zu eng an die einzelnen Städte gebunden, was eine gewisse Unabhängigkeit mit sich bringt.

Bei den Stadtgesellschaften habe ich gesehen, dass die produzierende Stadt – also Landshut für Sprechtheater und Passau für Musiktheater – sich stärker mit ihrer Sparte identifiziert. Die Ansässigkeit des Ensembles in der Stadt sorgt für eine Art von Bindung an das Unternehmen „Theater“, auch bei einem kleinen Unternehmen wie unserem.

Wenn Sie auf  Ihre Intendanz zurückblicken, welche Produktionen und Unternehmungen waren aus heutiger Sicht die wichtigsten?

Raritäten, Musicals, Wagner

Stefan Tilch: Wir, Basil Coleman und ich, waren die Jahrzehnte immer gesegnet damit, dass wir etwas Neues entdeckten, für das wir uns begeistern und das Publikum entsprechend mitnehmen konnten. Zuerst waren es die Raritäten, wie z. B. „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold, das damals kein Repertoirestück wie heute war, oder die selten gespielten Stücke „Francesca da Rimini“ oder „La Rondine“. Dann hatten wir eine Begeisterung für Musicals, da haben wir großartige Abende kreiert, wie z.B. „Chicago“ oder „Kiss me, Kate“. Schließlich haben wir uns an Wagner herangetraut und dem Publikum „Tristan“, den „Ring“ und „Parsifal“ geboten. Das sind Pflöcke gewesen, für die wir uns rasend begeistern konnten und es ist gelungen, dass das Publikum genauso begeistert mitgegangen ist.

In Ihrer langen Intendanz mussten Sie immer wieder mal Krisenmanager sein. Ich denke da an 2002, die Generalsanierung des Theaters Am Hagen, als die Straubinger nach Passau fahren mussten, dann natürlich 2013 die schreckliche Flutkatastrophe, als das Passauer Theater schwer betroffen war und schließlich die Unbespielbarkeit des Theaters am Bernlochner in Landshut, als das Theater in ein Zelt ins Messegelände umziehen musste. Wie ist es gelungen, aus den Krisen Chancen zu machen? 

Publikum ist mitgegangen

Stefan Tilch: Die Dinge waren damals alternativlos und haben zum Glück auch funktioniert. Das Hochwasser in Passau war eine Katastrophe, aber das hat Passau sofort und allumfassend angegriffen und gelöst. Wir haben damals z. B. die X-Pointhalle und die Dreiländerhalle bespielt und haben Projekte verwirklicht, die man in den Theatern aus Platzgründen nie hätte verwirklichen können. Ein Beispiel ist das Musical „West Side Story“. Allein in Passau haben wir in drei Vorstellungen über 3000 Zuschauer in der Dreiländerhalle gehabt und waren restlos ausverkauft. Das hat super funktioniert. Das Publikum ist mitgegangen. Das hat uns ermutigt, in diese Richtung weiterzumachen.

Die wirkliche Krise ist das Zelt in Landshut. Das brachte bisher eine wirklich schwierige Kommunikation mit sich. Man möchte am liebsten verzweifeln, laut schimpfen und in der Stadt Alarm schlagen, dass es so nicht weitergehen kann, andererseits möchte man aber auch das Publikum nicht vergraulen.  Man möchte auch die Lust am Arbeiten nicht kleiner reden, als sie sein könnte. Denn unsere Begeisterung steht immer zu erst. Wenn wir nicht begeistert sind, nehmen wir das Publikum nicht mit. Keine einfache Situation.

Sehen Sie das als schweres Erbe für die neue Intendantin?

Stefan Tilch: Ja. Man weiß nicht, wie es in Landshut weitergeht. Leicht ist das nicht.

Was würden Sie heute rückblickend anders machen, z. B. bei Inszenierungen oder bei wichtigen Entscheidungen?

Stefan Tilch: Es ist wahrscheinlich, dass ich an mancher Stelle anders reagieren oder auch inszenieren würde. Zum Beispiel habe ich mal „Kiss me, Kate“ gemacht vor zehn Jahren am Landestheater. Die Fassung, die ich jetzt erarbeite, sieht ganz anders aus. Ich denke, im Laufe der Entwicklung sieht man manche Dinge neu und setzt andere Schwerpunkte. Ich habe allerdings keine Tendenz zum Bedauern oder zu sagen „Hätte ich doch“. Das ist nicht die Art, wie ich denke.

Wie sieht die Zukunft des Regisseurs Stefan Tilch aus?

Stefan Tilch:  Ganz aktuell ist „Kiss me, Kate“ für das Pfalztheater Kaiserlautern. Da sind gerade Vorproben.

Werden Sie in Landshut Ihren Lebensmittelpunkt weiter haben?

Stefan Tilch: Da bin ich heute noch gar nicht sicher. Ich habe momentan – Gott sei Dank – noch mords Stress und keine Zeit, um mit Wehmut und Abschied, Pläne zu schmieden. Ich habe einfach noch alle Hände voll zu tun. Mal sehen, wo mich die nächsten Produktionen hin blasen. Landshut ist strategisch gut am Flughafen und hat eine hohe Lebensqualität. Ob ich aber als „Graue Eminenz“ durch die Stadt schlurfe?  Ich weiß nicht, ob das dauerhaft gut ist. (Feinsinniges Lachen)

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„Arrivederci, Stefan!“: Die Abschiedsgala für Stefan Tilch findet am 19. Juli im Theaterzelt in Landshut statt. Beginn: 16 Uhr; Karten unter: Tel. 0871/922 08 33 oder theaterkasse@landshut.de