Abschied von Martin Steidler als Chorleiter

Sein letzter Auftritt als Leiter des Heinrich-Schütz-Ensembles Vornbach: Hochschulprofessor Martin Steidler. © Edith Rabenstein

Bachs „Matthäus-Passion“ bei den 74. Festspielen Europäische Wochen Passau

 

Der letzte Ton verklingt, Martin Steidler steht mit dem Rücken zum Publikum, das Heinrich-Schütz-Ensemble (HSE) ein letztes Mal fest im Blick, das Publikum verharrt in Stille und tiefer Ergriffenheit, bevor Applaus und Jubel nach diesem denkwürdigen Konzertabend auf den Dirigenten und die Künstler prasseln.

Am Sonntag war der klassische Start der 74. Festspiele Europäische Wochen Passau in der Studienkirche St. Michael, der berauschender nicht hätte sein können: Zur Aufführung kam Johann Sebastian Bachs „Matthäus-Passion“, die Leidensgeschichte Jesu, erzählt nach den Überlieferungen des Evangelisten Matthäus, in die reflektierende Texte von Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, eingewoben sind.

Groß war dieser Abend in mehrfacher Hinsicht – und nicht nur, weil die Familie Bach diese Passion gern groß nannte. Die Europäischen Wochen ehrten damit den Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Theater München, der mit diesem Konzert seinen Abschied von „seinem“ Ensemble nahm: Martin Steidler hatte 1993 das Heinrich-Schütz-Ensemble Vornbach gegründet und auf einen Erfolgsweg geführt. So gewann das HSE bei internationalen Wettbewerben Preise, u. a. auch den Kulturpreis Bayern und den Kulturpreis des Landkreises Passau. Höhepunkt war die Teilnahme bei 9. Deutschen Chorwettbewerb, als das HSE den 3. Platz erreichte.

Während der Projekt-Chor in der Regel aus 30 Stammsängern besteht, erklingt die Zweichörigkeit an diesem Abend aus 97 Kehlen. Die EW haben ein extra Podest bauen lassen, damit alle Chormitglieder untergebracht werden können. Wer in die beglückten Gesichter der Sänger schaute, erkannte viele, die früher mal bei Projekten dabei waren und auch den ein oder anderen aus der Gründungszeit. Beim Abschiedskonzert für den Dirigenten, der sie zu einer erfolgreichen Chorgemeinschaft geformt hatte, wollte möglichst viele dabei sein. 33 Jahre gemeinsames Musizieren verbindet Martin Steidler mit dem Heinrich-Schütz-Ensemble.

Wie wunderbar er diese 97 Vokalisten zu führen wusste, dies zeigte der denkwürdige Konzertabend. Perfekt ausbalanciert, packend im lauten Jubilieren und ergreifend im Pianissimo, dabei stehts mit Wortdeutlichkeit, die bis in die hinteren Stuhlreihen dringt. Besonders beeindruckend die Choräle und die perfekte Disziplin beim Abschlag. Auch die kleinen Turbae Soli kommen gut aus den Reihen der Chormitglieder.

Mit dem Originalklangorchester L’Arpa Festante, 1983 in München gegründet, arbeitete Martin Steidler schon häufig zusammen. Das Ensemble für Alte Musik arbeitet wie Steidler projektbezogen hatte für die Matthäus-Passion natürlich eine große Besetzung aufgeboten, in zwei Abteilungen geteilt bei der die beiden Konzertmeister/in ihre Solos brillant ablieferten. Die instrumentalen Soli z. B. durch Viola da Gamba und Traversflöte, waren sehr virtuos, ebenso der Basso Continuo.

Steidler setzt auf ein durchgehend leicht federndes Tempo und den Reichtum an Klangfarben, den er und das Orchester innig zu gestalten verstehen.

Unter den Gesangssolisten haben Lukas Seibert als Evangelist und Micha Matthäus als Jesus die größten Partien und stehen inmitten des Orchesters mit Blickkontakt zum Dirigenten. Während die anderen Solisten vor dem Orchester stehen. Aber Steidler dreht sich um, sucht den Blick und gibt Drops.

Tenor Seibert ist eine echte  Entdeckung an diesem Abend. Zum ersten Mal singt er die Partie, die er vor zwei Jahren einstudiert hat – und er tut dies virtuos, indem er einerseits als Chronist agiert, andrerseits auch Emotionalität zulässt. Zudem hat er eine gute Textverständlichkeit, was gerade in den Secco-Rezitativen notwendig ist.

Bass Micha Matthäus gestaltet Jesus anrührend, besonders in der Sterbeszene. Es ist der leidende Mensch, der hier gezeigt wird.

Bezauberte mit inniger Interpretation: Mezzosopranistin Catalina Geyer mit Konzertmeister Christoff Hesse (l.), dem Ensemble L’Arpa Festante, Dirigent Martin Steidler und dem Heinrich-Schütz-Ensemble Vornbach in der Studienkirche Passau. © Edith Rabenstein

In weiteren Solorollen mit ihren Höhepunkten: die hochschwangere Sopranistin Helene Gastl (mit drei sehr emotional und anrührend interpretierten Arien), Gerrit Illenberger („Mache dich, mein Herze rein“), Benedikt Hegemann („Ich will bei meinem Jesu wachen“) und Mezzo Catalina Geyer („Buß und Reu“). Leider – und das ist ein Problem des wunderschönen Aufführungsortes St Michael – können Solisten nicht bis in die hintersten Reihen der Kirche vordringen. Die Studienkirche war mit 610 Konzertbesuchern voll besetzt – auch die Kirchenempore. Bis zuletzt wurde noch nach Karten gefragt.

Ein enthusiasmiertes Publikum verabschiedete sich mit Standing Ovations von Martin Steidler, der seit 2025 auch die Leitung der Schulmusik an der Hochschule inne hat,  und den anderen Künstlern. Alt-Intendant Dr. Pankraz Freiherr von Freyberg, der 1995 die Zusammenarbeit mit Martin Steidler und den Festspielen Europäische Wochen begonnen hatte, formulierte es so: „Das  war für Passau ein Jahrhundertereignis.“

Nachdem das Landestheater Niederbayern mit Elisa Gogou eine neue Generalmusikdirektorin bekommt und sich Vorgänger Basil H. E. Coleman der Kirchenmusik in Oberösterereich zuwendet, ist der Abschied Martin Steidlers 2026  die zweite große Veränderung in der Musiklandschaft Ostbayerns. Mit dem Heinrich-Schütz-Ensemble wird es weitergehen. Anfang Juli wird der Nachfolger von Martin Steidler bestimmt. Man darf gespannt sein, welchen weiteren Weg der Chor dann einschlägt.