Kent Nagano und Deutsches Symphonie-Orchester Berlin in Passau
Erst in der letzten Woche habe ich Antonin Dvořáks 7. Sinfonie erlebt und jetzt die 9. Sinfonie e-Moll op. 95.: „Aus der neuen Welt“ mit Kent Nagano und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin bei den Festspielen Europäische Wochen in der Studienkirche Passau. Für einen großen Dvořák-Fan wie mich also eine ganz besondere, herzerwärmende Freude.
Abschluss der Sommertournee
Pult-Star Kent Nagano ist, nachdem der Klangkörper heuer keinen Chefdirigenten hat, als Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) öfters zu erleben. Der Klangkörper wurde 1994 aus den Ensembles der Rundfunk Orchester und Chöre Berlin gebildet. Von 2000 bis 2006 war Kent Nagano Chef- und ist jetzt Ehrenpräsident des Orchesters. Das Konzert in Passau ist der Abschluss der Sommertournee mit dem DSO.
Analytische Transparenz

Kent Nagano hat weder etwas mit den romantisierenden noch mit den dramatisierenden Interpretationen etlicher seiner Pult-Vorgänger bei Dvořáks im Sinn. Wer ihn in seiner Münchner Zeit erlebt hat, weiß: Er ist ein Analytiker. Er will Transparenz in der Musik offenbaren und nichts verschwurbeln. Dies gelingt ihm hervorragend. Der 74-Jährige zeigt Kraft und auch Präzision in der Verästelung der Motive. Dem Orchester genügen da oft nur kleine Dirigiergesten. Traumhaft lucide der zweite Satz, bis ein scheinbar fröhliches Gezwitscher den Trauergesang ablöst. Nagano erweist sich im dritten Satz als Meister der Pausen und Verinnerlichung. Unaufhaltsam strömt das Orchester dem vierten effektvollen Satz zu, in dem sich die Motive und der Marschrhythmus bündeln. Auch hier weiß der Dirigent geschickt zu zügeln, indem er ein eindrucksvolles, starkes, aber nicht überladenes Finale gestaltet. Stehender Applaus für den US-amerikanischen Dirigenten und sein Orchester das mit Johannes Bahms‘ „Ungarischer Tanz Nr. 5“ eine schwungvolle und sehr beliebte Zugabe spielte.
Feinfühlige Interaktion von Klavier und Orchester
Vor der Pause war das Glanzlicht Ludwig van Beethoven „Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op.37“ mit Mao Fujita. International bekannt wurde er durch die Silbermedaille, die er beim Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb 2019 in Moskau errang; ebenso, dass er während der der Corona-Zeit alle 18 Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart einspielte. Der 28-Jährige hat bereits an zahlreichen Festivals teilgenommen und mit international renommierten Dirigenten zusammengearbeitet. Der Japaner hat durchgehend einen kräftigen Anschlag, weiß aber auch die lyrischen Parts im zweiten Satz sensibel zu geben. Orchester und Klavier interagieren feinfühlig miteinander und lassen sich gegenseitig respektvoll Raum. Bereits in der langen Orchesterexposition stellt sich das DSO als besonders homogener Klangkörper vor. Besonders inspiriert gelungen ist bei diesem Stück der frische Dialog zwischen Klavier und Pauke.
Schillernde Klangfarben
Zuvor hatte das DSO George Benjamins „Three Consorts“ gegeben: Der Brite huldigt damit seinem barocken Vorgänger Henry Purcell, in dem er drei von dessen 18 „Fantasias“ neu bearbeitete und um das Musikinstrumentarium der Moderne erweiterte. Eine reizvolle musikalische Variante von barocker Heiterkeit mit schillernden Klangfarben, die das Publikum mit großen Applaus feierte.