Auch Provenienzforschung wird neu ausgerichtet
Die letzte Sitzung des Bayerischen Landtags vor der Sommerpause beschäftigte sich mit Kultur. Der Ausschuss für Wissenschaft und Kunst tagte. Ich war per Livestream dabei.

Markus Blume, Staatminister für Wissenschaft und Kunst, stellte zwei große Maßnahmen des Freistaats vor:
- den Komplex der historischen Verantwortung, was Provenienzforschung und Restitutionsfragen betrifft
- den Komplex der Museumsoffensive
Forschung außerhalb der staatlichen Museumsverwaltung
Der Umgang mit NS-Raubgut wird künftig bei einer Unabhängigen Kommission im Zentrum für Provenienzforschung und Restitutionsfragen NS-Raubgut, das am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) angesiedelt ist. „Forschung, wissenschaftliche Bewertung und Restitutionsempfehlungen werden künftig außerhalb der staatlichen Museumsverwaltung organisiert“, so Markus Blume.
Grundlage aller Empfehlungen soll der neue Bewertungsrahmen der Schiedsgerichtsbarkeit für NS-Raubgut sein, der bundesweit einen einheitlichen Bewertungsmaßstab schafft. Die abschließende Entscheidung über Restitutionen verbleibt beim Freistaat Bayern als Eigentümer der staatlichen Sammlungen, betont der Minister. Für die Kommission sollen einvernehmlich insgesamt acht Mitglieder aus den Disziplinen Zeitgeschichte, Kunstgeschichte und Rechtswissenschaft benannt werden. Den Vorsitz soll Prof. Dr. Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums (Berlin), übernehmen.
Schuster: Voraussetzungen für gerechte Restitutionen
Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßt den Schritt: „Die Empfehlungen des Runden Tisches Historische Verantwortung bilden die Grundlage für einen faireren und gerechteren Umgang mit NS-Raubgut in den Bayerischen Staatsmuseen und Sammlungen. Gerade im Umgang mit NS-Raubgut darf es keine Lücke zwischen moralischem Anspruch und staatlicher Praxis geben. Die Verzahnung einer Unabhängigen Kommission mit einem wissenschaftlichen Zentrum für Provenienzforschung überführt die Washingtoner Prinzipien in eine belastbare Struktur. Dieser Schritt schafft die Voraussetzungen für gerechte Restitutionen,“ hieß es in seiner veröffentlichten Presseerklärung.
Weißbuch für die Zukuft der staatslichen Museen
Das zweite große Thema, das bereits in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wird, ist die Museumsoffensive.
Im Mai 2025 wurde die Reformkommission Museumsoffensive unter der Leitung von Dr. Markus Michalke und Prof. Dr. Rolf Nonnenmacher eingesetzt. Vertreterinnen und Vertreter aus Museen, Wissenschaft, Kulturförderung und Politik erarbeiteten gemeinsam ein Weißbuch zur Zukunft der staatlichen Museen. Markus Blume stellt die Empfehlungen der unabhängigen Reformkommission vor: Sie empfhielt die Einrichtung des autarken Verbunds „Bayerische Staatsmuseen“. Blume sagt dazu: „Aus 18 Einzelkämpfern wird mit dem Verbund der ‚Bayerischen Staatsmuseen‘ ein starkes Team.“ Er ist der Meinung: „Museen entfalten ihr volles Potenzial, wenn sie echte Freiheitsgrade erhalten: mit einer modernen Governance, einer eigenen Rechtspersönlichkeit und mehr Handlungsspielräumen in Personal- und Finanzfragen. Der Freistaat bleibt dabei selbstverständlich Eigentümer der Sammlungen und Liegenschaften und behält die Aufsicht. Gleichzeitig gewinnen die Museen die Flexibilität, schneller, innovativer und besucherorientierter zu handeln. Und klar ist auch: Die einzelnen Häuser bleiben mit ihrer Geschichte, ihren Sammlungen und ihrer unverwechselbaren Identität erhalten.“
Der Grundtenor ist: Raus aus der Behördenstruktur und raus aus der Kameralistik.
Dies sind in künftig zehn Staatsmuseen organisatorisch gebündelt werden. Diese sind:
- Museen der Kunst der Antike und des Altertums: Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, Staatliche Antikensammlungen, Glyptothek
- Alte und Neue Pinakothek
- Pinakothek der Moderne: Sammlung moderner Kunst, Sammlung Goetz, Die Neue Sammlung, Deutsches Theatermuseum
- Museum Brandhorst
- Staatsmuseen in Franken: Museum für Franken in Würzburg, Neues Museum Nürnberg
- Staatliche Graphische Sammlung München
- Archäologische Staatsammlung
- Bayerisches Nationalmuseum: Bayerisches Nationalmuseum, Staatliche Münzsammlung
- Museum Fünf Kontinente
- Museen für Industriekultur: Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg, Porzellanikon in Selb und Hohenberg a.d. Eger, Glasmuseum Frauenau
Der neue Museumsverbund „Bayerische Staatsmuseen“ soll zum 1. Januar 2029 an den Start gehen.
Als fünf Handlungsfelder für die inhaltliche Konzeption der Museen von morgen nennt Blume die Vorschläge der Kommission: profile Schärfen, neue Sichtbarkeit, kulturelle Teilhabe, digitale Transformation und Miteinander.
Als Ziele nennt Markus Blume: eine einheitliche Gesamtsteuerung, effizientere Verwaltungsstrukturen, größere Flexibilität sowie eine stärkere Eigenverantwortung der Museen. Gleichzeitig sollen staatliche Mittel wirksamer eingesetzt und zusätzliche eigene Einnahmepotenziale erschlossen werden.
In der kurzen sich anschließenden Diskussion wurden die beiden Vorhaben von den Diskussionsteilnehmern – auch von der Opposition – durchweg positiv gesehen. Detailfragen gab es zur Museumsoffensive vor allem in Bezug auf die praktische Umsetzung.
Das einzige niederbayerische Staarliche Museum ist das Glasmuseum Frauenau. Blättert man im Weißbuch, das jedermann zugänglich ist, sieht man wie eine Einheit Statsmuseum für Industriekultur begründet ist:
„Das Glasmuseum Frauenau ist mit lediglich vier Vollzeitäquivalenten ebenfalls weit von einer kritischen Größe entfernt. Selbst das rund viermal sogroße tim – Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg stößt bereits an personelle und finanzielle Grenzen. Um die Ressourcen dieser beiden Museen zu bündeln, schlägt die Kommission vor, sie gemeinsam mit dem Porzellanikon in Selb und Hohenberg a. d. Eger zu einer organisatorischen Einheit zusammenzuführen, die personell, finanziell und strukturell den Anforderungen eines modernen Museums gerecht wird. Der gemeinsame Schwerpunkt dieser drei Häuser liegt in der Bewahrung und Vermittlung industriegeschichtlicher Kulturgüter, in der Förderung regionaler Identität sowie im Ausbau des Verständnisses für Industriegeschichte in Bayern. Diese inhaltliche Nähe bildet die Grundlage für Synergien – insbesondere in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Ausstellungsentwicklung und Vermittlungsarbeit
– innerhalb der geplanten Einheit Staatsmuseen für Industriekultur.“
Die Reformkommission hat jedes Museum unter die Luoe genommen und eine Bewertung dazu abgegeben. Zum Glasmuseum Fauenau ist u. a. zu lesen, dass es auf Geschichte der Glaskultur mit besonderer Verankerung in der Region Ostbayern spezialisiert sei; es lege den Fokus auf die Vermittlung der regionalen historischen Voraussetzungen der Glasherstellung sowie auf die Präsentation einer internationalen Sammlung. Betont wurde auch die internationale Bedeutung des Standorts als europäisches Zentrum der Studioglasbewegung sowie die Bildungsarbeit und die Vermittlungsstrategie mit analogen und digitalen Angeboten. „Darüber hinaus versteht sich das Museum als kultureller Ankerpunkt der Glasregion Bayerischer Wald und als internationaler Begegnungsort für zeitgenössische Glaskunst.“