„Hamlet“ am Landestheater Niederbayern

Benedikt Schulz als Hamlet in dem großen Monlog über den Tod.© Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

 Psychogramm einer modernen Familie

 

„Hamlet“, die Tragödie um den Dänenprinzen von William Shakespeare, war vom Landestheaters Niederbayern für die Burgenfestspiele Niederbayern auf der Veste Oberhaus in Passau gedacht. Die Premiere konnte dort noch stattfinden, die zweite Vorstellung, die ich wegen anderer Termine gewählt hatte, nicht. Da zeigt sich wetterbedingt wieder einmal, dass die Stücke für Open Air im Haus funktionieren müssen und es auch tun. Die Straubinger – der dritte Spielort neben Landshut – wissen davon ein Lied zu singen; nachdem der Burghof nicht mehr zur Verfügung steht, findet dort alles im Theater am Hagen statt. In Passau an diesem Sonntag ebenfalls im vollbesetzten Stadttheater.

Die Farbe Blau dominiert

Markus Bartl inszeniert das Stück, Philipp Kiefer sorgt für die Ausstattung. Die Farbe Blau dominiert den Raum: das Bühnenbild, die Kostüme, die Steine im Ring und sogar die Fingernägel. Blau – die Farbe des Meeres und des Himmels, steht für Hoffnung, Verlässlichkeit und Beständigkeit, auch Ruhe. All das findet in „Hamlet“ nicht statt – obgleich sich die Bühnenfiguren danach sehnen. Die erste Brechung: die ruhige in sich geschlossene Ästhetik mit dem Spiel-im Spiel-Konzept steht im Gegensatz zu dem emotionalen und verbrecherischen Geschehen auf der Bühne, das im großen Morden endet. Witzig: die Schauspieler haben alle blonde oder graue Perücken, was gut zu blau passt und die Figuren ziemlich unnahbar macht. Hat etwa Markus Bartl auch die Umfrage gelesen, dass 70 Prozent der Dänen blond sind?

Bau am Theatergelände ab 2027

Die Landshuter feiern „Hamlet“ als Reminiszenz an ihr altes Bernlochner-Theater; Regisseur Markus Bartl habe dies so in Vorgesprächen verlauten lassen, hört man. Sie wollen das Stück als politisches Statement sehen – müssen die Theaterleute doch schon seit 12 Jahren im jetzt maroden Theaterzelt spielen. Ich habe das Bernlochner als ziemlich dunkelblau und heimelig in Erinnerung, das gleißend ausgeleuchtete Stahlblau der Theaterszenerie erinnert mich eher an die berühmte Farbenkreation von Yves Klein. Sollte es als Klatsche für die Kulturpolitiker gemeint sein? Vielleicht. Aber: Da hat die Realität das Theater inzwischen überholt. Nach der Wahl sind – zum Glück – zum Großteil neue Politiker in Landshut am Ruder. In der letzten Haushaltssitzung hat der Stadtrat mit nur zwei Gegenstimmen (!) „grünes Licht“ (so in der veröffentlichten Beschlussfassung) gegeben, dass 2027 der erste Bauabschnitt mit dem Erweiterungsbau beginnen kann. Danach kommt die Sanierung der Bestandsbauten wie z. B. des historischen Theaters, das unter Denkmalschutz steht. Endlich! Darüber freuen sich auch die Partnerstädte Passau und Straubing, ebenso der Bezirk Niederbayern. Denn allen ist klar: Das Konstrukt Zweckverband funktioniert nur gut mit drei theaterbegeisterten Spielorten und drei bespielbaren Spielstätten.

Markus Bartl bringt ein Beziehungsdrama

Betroffenheit nach der  Theateraufführung (v.l.): Gertrud (Antonia Reidel), Claudius (Reinhard Peer), Hamlet (Benedikt Schulz), Polonius (Joachim Vollrath), Ophelia (Katharina Schmirl), der Schauspieler (Stefan Sieh). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

Zurück zu „Hamlet“: In dieser Produktion erfreut nicht nur durch die Bühnenästhetik eines Rangtheaters mit Notausgangsschild, sondern der gesamte Theaterabend. Regisseur Bartl hat natürlich nicht die alte Schlegel-Tieck-Fassung gewählt, sondern eine neue Fassung von Jürgen Gosch und Angela Schalenec. Das war eine gute Wahl, ist sie doch in gebundener Sprache, lässt Diamanten der Sprache Shakespeares aufblitzen und bringt natürlich die berühmtesten Zitate. Bartl hat kräftig gekürzt und die Tragödie als das Beziehungsdrama einer Familie inszeniert. Die Personenregie ist schön detailliert.

Benedikt Schulz als Dänenprinz

Berührend bis beklemmend stellt Benedikt Schulz den Dänenprinzen dar. Dieser Hamlet ist einerseits strukturiert, intellektuell und philosophisch, andrerseits extrem verletzt durch den Mord an seinen Vater, die Heirat seiner Mutter, die Abweisung Ophelias, dass er außer sich gerät. Körperlich kann der sportliche Schauspieler diesen Schmerz voll ausagieren über alle Spielflächen hinweg, die die Rangtheater-Szenerie bietet. Dass auch die jungen Schauspieler das Fechten noch in ihrer Ausbildung lernen, zeigen Schulz und Julian Ricker (ein spannender Laertes, zerrissen zwischen Freundesliebe und Rachsucht) in einer toll choreografierten Kampfszene, das Training dafür leistete Herbert Hollrotter und die Turngemeinde Landshut.

Ophelias großartige Wahnsinnsszene

Reinhard Peer zeigt Claudius als Emporkömmling und Machtmensch, der – wie Trump – gerne Coolness demonstriert und eine Hand in der Hosentasche hat, im Sessel lümmelt, Vaterliebe heuchelt und Mordpläne schmiedet. Antonia Reidel verleiht Gertrud, Frau des von ihm ermordeten Bruders und Königin, Vielschichtigkeit. Ihre Mimik und ihre Körperhaltung verändern sich völlig, als sie im Theaterspiel „Mord in Gonzaga“ die Schuld ihres zweiten Mannes erkennt. Immer mehr entzieht sie sich Claudius‘ Berührungen und wird zur Trösterin ihres Sohnes und auch Ophelias. Katharina Schmierl interpretiert dieses Mädchen so empfindsam, verliebt, hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen gegenüber dem Vater und dem Geliebten. Großartig ist ihre Wahnsinnsszene. Joachim Vollrat als ihr Vater und Staatsrat ist unkritischer und ergebener Königsdiener, aber doch auch feinfühliger und achtsamer Vater.

Überraschung des Abends: Ursula Erb

Horatio als Freund wird von Stefan Merten gespielt – treu, mit Herzenswärme und so anrührend, dass man mit ihm weinen möchte, als er den sterbenden Freund in den Armen hält.

 

Trauer um den Freund: Horatio (Stefan Merten) mit Hamlet (Benedikt Schulz). © Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

 

Stefan Sieh ist in der Doppelrolle als forscher Prinz von Norwegen im Norweger-Pulli und als köstlich exaltierter  Schauspieler in „Mord in Gonzaga“ zu sehen; Katharina Elisabeth Kram und Larissa Sophia Farr verkörpern Rosencrantz und Guildenstern und sorgen mit der Synchronität in Kostüm, Bewegung und Sprache für Lacher, ebenso als Totengräber.

Die Überraschung des Abends ist Ursula Erb als Geist von Hamlets Vater in einer Maske, dass sie kaum wieder zu erkennen ist: als ernster und trauriger Greis mit Halbglatze und Brille in beigefarbenem Ballonblouson und brauner Hose spricht sie mit durchs Mikro verfremdeter Stimme wie aus einer anderen Welt.

Die Inszenierung kommt mit wenigen Requisiten wie Totenkopf, Blumen, Pokal, Theaterstühle, Schubkarren, Bibel aus und einer passenden Geräuschkulisse, die Niklas Handrich geschaffen hat (Musik, Getrampel von Soldaten, Salutschüsse).

Es ist das Psychogramm einer modernen Familie, in der fast alle Täter und Opfer zugleich sind. Das Stück, 1602 uraufgeführt, ist deshalb so packend, weil es um die ewigen Fragen der Menschheit geht: Liebe, Macht, Tod – und wie man in dieser Welt bestehen kann.

Weitere Vorstellungen:

In Landshut:

17./ 18. Juli – Beginn: 19.30 Uhr im Prantlgarten

Karten: Tel. 0871/922 08 33

theaterkasse@landshut.de

Das Kinoptikum Landshut zeigt in Kooperation mit dem Landestheater am 13., 16. und 19. Juli „Hamnet“ von Chloé Zhao.

In Passau:

10./11. Juli – Beginn: 20 Uhr auf der Veste Oberhaus

Karten: Tel. 0851 / 929 19 13

theaterkasse@passau.de

Ob die Vorstellungen open air oder indoor stattfinden, können Sie der Homepage unter www.landestheater-niederbayern.de entnehmen.