„Zu schön, um wahr zu sein“ aus der Sammlung Klewan
Für Museumsbesucher ist es ja oft ein Reizwort: Kitsch. Sie schütteln den Kopf – und sagen: Nein, das wollen wir nicht sehen, das passt nicht zu uns. „Wir wollen nur Hochkunst!“
Bei den Besucher des Museums Moderner Kunst Passau war es an dem Vernissagenabend in erster Linie, die Neugier auf die Exponate und das Staunen drüber. Neugier und Staunen – das sind schon mal zwei sehr positive Haltungen bei der Betrachtung von Exponaten. Eine sehr rege Diskussion hat sich entsponnen in der Ausstellung „Zu schön, um wahr zu sein“ aus der Sammlung Klewan, die Kitsch & Pop vom 19. und 20. Jahrhundert zeigt.
Was heißt Kitsch eigentlich: Die Belser Stilgeschichte gibt Auskunft, das die genaue Abkunft des wahrscheinlich in den 1870er Jahren im Kunsthandel in München entstandenen sei verschieden gedeutet werde. „Kitsch ist ein Begriff, der verwendet wird, um billige, kommerzielle, sentimentale oder vulgäre Kunstwerke und Objekte zu beschreiben, die oft mit der Populärkultur in Verbindung gebracht werden“, ist zu lesen.
Erste thematische Ausstellung der MMK-Direktorin
Es ist die erste thematische Ausstellung im Museum Moderner Kunst unter Leitung der Kunsthistorikerin Dr. Marion Borscheuer, die 200 Exponate aus der Sammlung Klewan ausgesucht hat. Es gehe darum, einen Gedankenraum über rund 100 Jahre zu entwickeln. „Das Wort Kitsch wird schnell ausgesprochen und kaum hinterfragt.“ Das Wort sei aktueller denn je und ein Spiegel der Gesellschaft. „Wenn wir über Kitsch sprechen, sprechen wir über uns selbst, darüber, was wir lieben und was wir ablehnen.“
Die Ausstellung lade dazu ein, über den eigenen Blick nachzudenken: Warum gefällt uns etwas? Und: „Die Ausstellung verweigert sich jeder schneller Antwort“, sagt die Direktorin, die auch Kuratorin der Ausstellung ist.
Fünf Räume klug thematisch geordnet
Sie hat die Ausstellung in fünf Räumen klug thematisch geordnet und präsentiert dabei die Sammlung Klewan nach inhaltlichen Gesichtspunkten. „So habe ich meine Sammlung noch nie gesehen. Bei mir steht und hängt alles wild durcheinander. Es ist meine persönlichste Ausstellung, die ich bisher gezeigt habe“, sagt Sammler Helmut Klewan (83) im persönlichen Gespräch, der sich unbändig über die museale Präsentation freut. Die Hängung macht auch zwei unterschiedliche Präsentationsarten deutlich: Der erste Raum ist nach der sogenannten St. Petersburger Hängung oder Salonhängung gesaltet, die anderen Räumen nach der Galerie-Hängung linear als White Cube, wie es im 20. Jahrhundert üblich wurde.
Bildwerke aus dem Alltag des 19. Jahrhunderts
Der erste Raum beschäftigt sich mit Bildwerken des 19. Jahrhundert, wie man sie im Alltag dieses Jahrzehnts in bürgerlichen Haushalten fand. Die Inszenierung im Raum verdeutlicht dies einmal mehr. Erstmals ist das Landestheater Niederbayern Kooperationspartner des MMK. Aufgebaut ist eine kleine Szene, wie sie im Salon des Bürgertums damals üblich war: Blumentapete, ein goldener Prachtstuhl für den Hausherren (damals leider noch nicht für die Hausherrin), ein Teppich mit Persermotiv, ein goldener Teewagen und eine Fächerpalme. Im Museum laden sie die Besucherin und das männliche Pendant ein, darauf Platz zu nehmen und zu betrachten.
Viele Klischees finden sich in diesem Raum versammelt, die das Thema umreißen: natürlich an erster Stelle herzige Kinder in liebreizenden Posen, in Familienidylle mit den Eltern, junge Mädchen, Blumen pflückend, auf einem Hirschen durch den Wald reitend – trotz all der Natur ist die erotische Komponente nicht zu übersehen.

Hier hängt auch das Motiv, das als Ausstellungsplakat gewählt wurde und von einem bekannten Maler, Zeichner und Grafikers der Düsseldorfer Schule ist: Ernst Bosch (1834-1917). „Waldnymphe mit Rabe“ (um 1890, Öl auf Leinwand) zeigt ein nacktes junge Mädchen mit Mütze und wehendem Haar sowie einen Raben (er gilt u. a. als Fruchtbarkeitssymbol) in einer schneeverwehten Winterlandschaft.

Ein Thema in diesem Raum ist z. B. auch die Großwildjägerei, beliebtes Hobby von denen, die es sich leisten konnten. Zu sehen sind zwei Ölgemälde (1935) Öl auf Leinwand, von Chhaganial Iadhav (1903-1987). Der indische Maler und Freiheitskämpfer wurde bei uns bekannt, als er Mahatma Gandhi auf dessen sogenannten 390 Kilometer langen Salzmarsch begleitete und Szenen skizzierte. Dieses Skizzenbuch ging um die Welt.
Heiligen-Motive dürfen bei den Bildwerken aus dem 19. Jahrhundert auf keinen Fall fehlen und tun es auch nicht. Ein besonders beliebtes Motiv dieser Zeit waren Putti, kleine Engelchen, denen oft der Schalk im Nacken sitzt. Im MMK wird ein Bild von Constantin Freiherr von Byon gezeigt (1882, gestorben nach 1917, das ein sehr beliebtes Motiv zum Thema hat: „Engelsmusik“ (Öl auf Leinwand, 1909).
Memorabilia und Assemblagen
Der zweite Raum zeigt Memorabilia und Assemblagen, die überwiegend für den familiären Alltag verwendet wurden. Auffallend sind hier mehrere Motivkästen zum Gedenken von gefallenen Soldaten. Die Kastenbilder sind aufgebaut wie kleine Reliquienschreine und sind z. B. mit Fotografien und allerlei Schmuck wie Stanniolpapier, Silberkugeln, künstlichen Blumen und mehr versehen. Auch Stickbilder gibt es, z. B. als Gedenken an den Ersten Weltkrieg mit Konterfeis von Kaiser Wilhelm II. und Kaiser Franz Josef I und einem Soldaten (Papierbilder).

Das Bild, das mich in diesem Raum und in der ganzen Schau am meisten berührt hat, ist eine anonyme Erinnerungstafel an den Winterfeldzug von 1914/1915: Eine Szenerie in den Farben Schwarz-Weiß-Rot (die Farben des Deutwschebn Reiches) mit einem Grabeshügel aus Soldaten bestehend, die vermutlich das Eiserne Kreuz errungen und das Leben verloren haben. Das Bildwerk ist auf Birkenrinde gemalt. Es ist eine krasse Bildsprache, die auf die Sinnlosigkeit von Krieg verweist und in ihrer Schlichtheit sehr modern wirkt.
Zwei großformatige Bilder, die als stark mit Personnage belebte Malerpalette gestaltet sind, werden österreichische Maler Hans Zatzka (1859–1945) gezeigt, der unter verschiedenen Namen arbeitete, u. a. J. Bernard. Der Wiener ist bekannt für viele liebliche Frauen- und Mädchenbilder, die auch heute noch in Wien als sogenannte Ausschnittbögen verkauft werden.
Eine besondere Technik zeigt „Elster – Geister in Mittelwalde“, ein kleines Ölbild auf Leinwand, das echte Elsterfedern auf gemaltem Hintergrund zeigt und anonym in Schlesien 1874 entstand, damals Deutsches Reich, heute Polen.
Werbung und Reklame

Der nächste Raum zeigt Artefakte aus der Werbung, Herrlich, was man sich damals alles einfallen ließ! Da wirkt so manche Reklame heute platt. Neben Emaille schildern sind Aufsteller und Standfiguren zu sehen. Wie sehr Werbung auch immer ein Kind seiner Zeit ist, zeigt z. B. die Bierwerbung mit einem Schwarzen. Das könnte man heute als rassistisch deuten. Köstlich der Pierrot, der der sich auf Cointreau freut, oder der Wandersmann, der für Johnnie-Walker-Scotch-Whiskey marschiert.
Christian Ludwig Attersee
Der vierte Raum ist Christian Ludwig Attersee gewidmet, geboren 1940 in Bratislava/Slowakei, lebt seit 1944 in Österreich und auch auf Mallorca. Den Künstlernamen „Attersee“ hat er an seinen Geburtsnamen angehängt, da er vor seiner Künstlerkarriere einen Erfolgsweg als Spitzensportler hatte. Er war dreimal österreichischer Staatsmeister beim Segeln und gewann zahlreiche internationalen Regatten – auch am Attersee. Seit 1961 war er literarisch tätig. Ab 1957 studierte er an der Akademie der Angewandten Kunt erst Bühnenbildarchitektur, dann Malerei. In den 1960-er Jahren stieß er zur Gruppe der Wiener Aktionisten, entwickelte aber eine eigene Sprache der Popart – knallig, ironisch und erotisch. 2024 widmete ihm das Museum Moderner Kunst eine große Schau.

Er ist ein Freund von Sammler Klewan, der einige Bilder hat, die einen Raum für sich haben. Eine Verbindung zu dem Raum vorher stellt das Plakat „Attterbitter“ , Werbung für Kräut-Vermouth aus den Jahren 1992 her. Ein Fotoplakat von Christian Skrein, geboren 1945, zeigt den Künstler 1968 mit Äffchen. Großteils ironische Werke sind zu sehen, z. B. aus der Serie „Attersees Schönheit“, zum Beispiel der Siebdruck „Schamhaarlockenwickler“ von 1970. Köstlich, ja man möchte sagen, köstlich kitschig ist das „Kinderzimmertriptychon: Kätzchenjause“ (Acryl auf Leinwand, 1971). Typisch für Attersee ist der Einsatz von verspielten Einzelmotiven und Symbolen. Dies sieht man auch in dem wohl bekanntesten Werk, das einen Schlagerstar zum Thema hat: „Roy Black“, (Acryl auf Leinwand, 1970) ist ein ikonisches Gemälde geworden.
Bekannte Namen der Pop Art
Der letzte Raum widmet sich der Pop Art der 1960-er und 1970-er Jahre. Sie will Kitsch bewusst reflektiert sehen und arbeitet gegenständlich. Wie eine Sitzecke dieser Zeit aussah, zeigt ein Plastikstuhl , ein Plexiglastisch samt grünem Teppich aus dem Theaterfundus.

Hier finden sich bekannte Namen der Kunstgeschichte, die einmal mehr Helmut Klewans hervorragenden Sammlerblick zeigen, z. B. Man Ray (1890-1970) und seine „Sitzende müde Frau“ (Lithografie, 1947), Mel Ramos (1935-2018) Akt mit Zündkerze „For-ever“, (Lithografie, 2000), Kiki Kogelnik (1935-1997) mit „Hallo“ (Collage, Aquarell, 1991) sowie einem Plakat, Uwe Lausen (1941-1970) und „Der blonde Teppich“ (Öl und Acryl auf Leinwand, 1967), Michael Langer (1929-2022) und seine Trilogie „Depressionen“ (Öl auf Leinwand, 1966).
Auch eine Arbeit von Regina Götz, geboren 1966, Attersee-Schülerin und Ehefrau von Helmut Klewan, hängt hier: Es ist ein „Familienbild“ (Öl auf Leinwand, 1988). Vereinzelte Köpfe von Menschen und Tieren blicken direkt auf den Betrachter. Den Menschenköpfen sind tierische Attribute zugeordnet.
Der Rundgang macht deutlich: Es geht um mehr als röhrende Hirschen und süße Kinder. Es geht um unseren Blick darauf, der viel mit unserer Erinnerungskultur, aber auch mit der Kultur des Sehens zu tun hat. Und nicht zuletzt mit dem eigenen Geschmack, der sich im Laufe eines Lebens auch verwandeln kann.
Wir müssen nicht dem Philosophen Theodor Adorno Recht geben, der unter Kitsch „dümmlich Tröstendes“ sah. Wir können jedes Artefakt und jedes Kunstwerk als Schule des Sehens und der Selbsterkenntnis betrachten. Die wichtigste Frage scheint mir: Inwiefern erfreut oder berührt es mich? Wenn ja, warum; wenn nein, warum. Und man wird es bei jedem Exponat anders sehen. So ist die Ausstellung für jedermann geeignet. Das macht richtig Spaß, darüber zu sinnieren. Man lernt sich – wieder mal – ein Stück weiter kennen.
Buchempfehlung: „Wut und Wertung“
Neulich habe ich das Buch „Wut und Wertung“ von Johannes Franzen (S. Fischer Verlag, 26 Euro) gelesen – und kann es nur empfehlen. Er beschreibt Konfliktgeschichten der Kunst und warum wir über Geschmack streiten und kommt zu dem Schluss, weil es sehr viel mit unserer eigenen Identität zu tun hat. Und: Dass es gut ist, dass wir über Kunst streiten, denn es bedeutet, dass Kunst für uns wichtig und für die Gesellschaft relevant ist.
Lesen Sie ein Porträt über den originellen Sammler Helmut Klewan am Dienstag auf diesem Blog.
Die Ausstellung „Zu schön, um wahr zu sein. Kitsch & Pop aus der Sammlung Klewan“ geht bis 18. Oktober im Museum Moderner Kunst Passau. Sie wurde ermöglicht durch den Verein der Freunde und Förderer des Museums und die Sparkasse Passau.
Das Museum ist geöffnet täglich, außer Mo., von 10 bis 18 Uhr. Führungen auf Anfragen unter: info@mmk-passau.de
Ein Booklet zum Herunterladen unter www.mmk.passau.de gibt Orientierung und lädt zum Mitmachen ein.