Der Spiegel als Metapher für das Leben

Die Party bei Violetta im Stil der 1920er Jahre mit Wasserballett. © Anja Köhler

„La Traviata“ auf der Bregenzer Seebühne

Die Bregenzer Seebühne hat schon viele tolle Bühnenbilder geliefert. In Erinnerung sind mir besonders geblieben: die blaue geheimnisvolle Felsenlandschaft („Die Zaubrflöte“, 1985); der Tod, der als Skelett aus dem Wasser ragt und das Schicksalsbuch aufschlägt („Der Maskenball“, 2000); die brennende Ölraffinerie („Il Trovatore“, 2006“), das Riesenauge von „Tosca“, 2008, das auch berühmt wurde Szene bei „James Bond“, die Chinesische Mauer und die Terracotta-Armee („Turandot“, 2015) und die überdimensionalen Hände mit den sich drehenden Spielkarten („Carmen“, 2017).

80. Jubiläum

Auch die diesjährige Inszenierung  zum 80. Jubiläum der Seebühne hat ein markantes Bühnenbild, entworfen von Paolo Fantin, das von einem Symbol dominiert wird: einem 28 Meter hohen Spiegel, der quer über die Bühne ragt und am Zerbersten ist. Er setzt sich aus 86 Scherben zusammen. Der Spiegel als Symbol für Schönheit, Vergänglichkeit, aber auch Selbsterkenntnis. Welche Symbol wäre passender für die Kurtisane Violetta und ihr bewegtes Leben zwischen Lust und Laster, Liebe und Hingabe, Schönheit und Tod. Sie ist die Hauptrolle in Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“, die heuer, zum Jubiläum der Bregenzer Seebühne, erstmals gezeigt wird. Vielleicht auch deshalb, weil dieses Musikdrama doch zahlreiche Kammerspielmomente hat, in denen sich die Lebedame zur wahrhaft Liebenden entwickeln.

Violettas Party in den 1920er Jahren

Regisseur Damiano Michieletto verlegt die Handlung von der Mitte des 19. Jahrhunderts in die 1920er Jahre und macht Violettas Party in ihrem Salon zu einem wilden Kostümfest. Die Pracht der Kostüme von Carla Teti ist der absolute Hingucker. Allein das Kleid von Violetta, das aus Spiegelscherben zu bestehen scheint – ist ein Traum, der den zerbrechenden Spiegel als Metapher des Lebens körpernah zeigt. Die Szene ist ein Regiegag von Damiano Michieletto, aber eben auch nicht mehr. Unsinnig ist, dass Violetta und Alfredo sehr oft im Wasser waten und mit nassen Kostümen weitersingen. Bei Alfredo wirkt das unfreiwillig komisch in seinem hellen Anzug, als ob . . . – weiter will ich das nicht ausführen.

Am Pult: Pietro Rizzo aus St. Gallen

Ansonsten ist diese „La Traviata“  mit reizendem Wasserballett (Choreografie: Thomas Wilhelm) eher brav inszeniert. Der Abend ist beeindruckend in seiner starken Konzentration auf die Musik. Und das ist wunderbar! In der Vorstellung, in der ich war, stand der Maestro aus St. Gallen am Pult: Pietro Rizzo. Er führt die Wiener Philharmoniker, die das Publikum nicht sieht, weil es im Festspielhaus hinter dem Publikum sitzt, sehr akkurat und mit Tiefgang durch diese intensive Oper. Das Hintergründige und Melodische arbeitet er sehr gut heraus, und lässt dadurch einen starken Gegensatz zur Festlaune entstehen.

Sie interpretieren das Liebespaar: Marjukka Tepponen Julian Behr. © Anja Fröhler

 

Umwerfende Bühnenpräsenz:  Marjukka Tepponen

Dass dies alles so berührend gelingt, ist (in dieser Vorstellung) der wundervollen Violetta-Interpretin, der finnischen Sopranistin Marjukka Tepponen. Eindringlich gestaltet sie diese Frauenrolle und erklimmt scheinbar mühelos alle Koloraturen im Trinklied und in „Sempre libera“. Herzzerreißend, tiefgründig und von nahezu überirdischer Sensibilität ist ihr „Addio, del passato”. An die Bühnenpräsenz dieser Sängerin kann ihr Bühnengeliebter nicht heranreichen, in dieser Aufführung dargestellt von Tenor Julian Behr, der einen soliden Alfredo singt. In weiteren Rollen überzeugen: Vladimir Stoyanov als Vater Germont, Rinat Shaham als Flora und Kevin Greenlaw als Douphol.

Ein Lob verdient auch der präzise und stimmschöne Klang des Prager Philharmonischen Chors.

Dass im letzten Akt eine schwarze Kugel aus dem Spiegel sich erhebt und herbeischwebt, ist ein unnötiger Einfall. Sie soll wohl das Unheil oder den Tod symbolisieren, ist aber ein hohler Gag, ohne inhaltliche Anbindung. Man hätte ruhig auf das alleinige Symbol des Spiegels und die musikalische Gewalt dieser „Traviata“ vertrauen dürfen.

Diese Inszenierung ist auch 2027 auf der Bregenzer Seebühne zu sehen.