Spannende Musikgeschichte Bayerns

Das Cover der Musikgeschichte zeigt die Münchner Hofmusikkapelle unter Orlando di Lasso in einer Darstellung von Hans Mielich. © Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Markus Eberhardts Band beim Pustet Verlag

Durchaus kühn kann man das Unternehmen des Regensburger Verlags Friedrich Pustet und des Passauer Autors Markus Eberhardt nennen, eine „Kleine Musikgeschichte Bayerns“ zu publizieren – und zwar auf 180 Seiten. Der Untertitel zeigt, wie weit er den Kosmos spannt: von der Römerzeit bis zum Mittelalter. Jetzt ist sie also erschienen und ist damit auch eine Ergänzung zur aktuellen Bayerischen Landesausstellung „Musik in Bayern“ bis 8. November in Freyung. Vorgestellt wird das Buch am 17. Juni in Passau.

Acht Kapitel eines Kenners

Der promovierte Autor ist Dipl. Kirchenmusiker, Musikleiter, Direktor der Gisela-Schulen Passau-Niedernburg, Dirigent des Orchesters des Passauer Konzertvereins und Gründer sowie Leiter des Ensembles Consortium musicum Passau. Ein ausgewiesener Kenner also.

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert nebst Vorwort und Anhang: Spätantike und Mittelalter; Musik im Zeihen der Konfessionalisierung; Zwischen barocker Pracht und dem Geist der Aufklärung; Die Musik der Romantik in Bayern; Konservative Moderne; Musik in Bayern nach 1945, Instrumentenbau, Verlage und Handel. Und der Autor stellt die Frage nach dem „bayerischen Klang“.

Bereits im Vorwort verweist er auf die zwei musikalischen Stränge „höfische Kunst“ und „Musik des Volkes“. Sie bilden quasi das geistige Gerüst in allen Buchkapiteln; als drittes kommt noch – vor allem im 19. und 20. Jahrhundert – die Einbettung in einen internationalen Kontext hinzu.

Großer historischer Kontext

Dass Eberhardt diese Gratwanderung auf nur 180 Seiten überhaupt gelingt, ist seinem großen historischen Wissen zu verdanken. Er bettet das musikalische Leben in die große Geschichte und die geistigen Strömungen ein. Zudem hat er einen Schreibstil, der den Leser mühelos mitnimmt zu den Quellen der bayerischen Musik in die römischen Kastelle des „nassen Limes“ an der Donau, in die Burgen des Minnegesangs und der Heldenepik, in die Kirchen und Klöster des Mittelalters und auf die Höfe der Reichfürsten und Fürstbischöfe. Denn Bayern, wie wir es heute verstehen, beginnt erst mit der Säkularisation 1803 – und auch ab dieser Zeit hat es noch reichlich Wandel gegeben.

Hier drei Beispiele:

Ein Blick in die früheste Geschichte: Neben den bekannten Protagonisten wie etwa Hermann Plötzinger, Walther von der Vogelweide und Reinmar II. von Brennsberg stellt Autor Eberhardt auch die Entwicklungen von musikalischen Formen und Notation dar. Natürlich sind das „Nibelungenlied“, das um 1200 in Passau entstand, und die Lieder der „Carmina Burana“ (vermutlich in Kaufbeuren entstanden) um 1230 genannt. An diesem Beispiel sei auch erwähnt, dass Eberhardt die Traditionen aufzeigt, aber ebenso die Entwicklungslinien. So wird beim „Nibelungenlied“ die Rezeption und Neukompositionen von z. B. Richard Wagner und Enjott Schneider erwähnt, letztere eine Auftragskomposition der Festspiele Europäische Wochen Passau 2023. Bei „Carmina Burana“ wird auf die gleichnamige Vertonung des Münchner Komponisten Carl Orff verwiesen, dessen Monumentalwerk zu den bekanntesten Kompositionen der Musikgeschichten des 20. Jahrhunderts zählt.

Schlagen wir ein anderes Kapitel auf: Die Musik der Romantik in Bayern. Mit der Säkularisation 1803 erlebte Bayern einen „kulturellen Kahlschlag“, so Eberhardt. „Von einschneidender Wirkung war jedoch das Ende der alten Reichskirche als Kulturträgerin und Arbeitgeberin für Musiker.“ Künftig habe es nur ein Zentrum mit Strahlkraft gegeben: den königlichen Hof in Bayern. Der politischen Zäsur sei ein kulturelles Zusammenwachsen und die Entwicklung eines gemeinsamen bayerischen Identitätsgefühls gefolgt. Die Musik dieser Zeit sieht Eberhardt im Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufbruch. Als markante Entwicklungen im 19. Jahrhundert nennt er z. B. die Gründung der Musikschulen, der „Liedertafeln“ und „Liederkränze“. Als Höhepunkt der Sängerbewegung  nennt er als „eines der großen Massenkonzerte im 19. Jahrhundert“ das Nürnberger Sängerfest 1861. Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Münchner Hofkapellmeistern und zwei mit Richard Wagner. Interessant ist auch der „Hintergrund“ zur Bayernhymne, die als solche vom Bayerischen Rundfunk etabliert wurde, der sie zusammen mit der Deutschlandhymne spielen ließ. Ein Kapitel ist auch der Reform der Kirchenmusik gewidmet, dem Cäcilianismus. Dieser Bewegung ist z. B. auch die Gründung der ersten Kirchenmusikschule der Welt 1874 in Wien zu verdanken.

Ein anderes Kapitel: Musik in Bayern nach 1945. Der Autor geht vom Artikel 3 der Bayerischen Verfassung aus, in dem sich der Freistaat die Förderung von Kunst und Kultur als Staatsziel setzt. Er weiß auch: „Bayern verfügt über eine derart vielfältige musikalische Landschaft, die angemessen darzustellen schier unmöglich ist.“ Deshalb wollte er nur „wenige, beispielhafte Akzente“ setzen. Als Pädagoge weiß er um die Wichtigkeit der musikalischen Ausbildung, die er von der Kita bis zur Hochschule anreißt, wobei er die Hochschullandschaften der einzelnen Regionen und die Besonderheit der unter kirchlicher Trägerschaft stehenden Akademien vertieft. Weiter stellt er die Profi-Orchester und ihre wichtigsten Protagonisten vor,  z. B. die Staatsphilharmonie Nürnberg, das bayerische Staatsorchester und insbesondere die Münchner Philharmoniker und auch deren „dunkle Stunden“ während der NS-Diktatur. Bereits am 8. Juli 1945 nahm der Klangkörper eines der kulturellen Aushängeschilder der Landeshauptstadt  wieder die Konzerttätigkeit auf. Als beispielhaft nennt Eberhardt die Gründung eines eigenständigen Symphonieorchesters in Bamberg. „Die Geschichte der Bamberger Symphoniker zeigt, wie ein Orchester infolge politischer Umbrüche in einer neuen Stadt kulturelle Identität ausbilden und dauerhaft wirksam werden kann.“

Schade, dass die Profi-Orchester der bayerischen Theaterlandschaft vergessen worden sind, z. B. das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, die Philharmonischen Orchester in Augsburg, Regensburg, Würzburg, die Hofer Symphoniker oder auch die Niederbayerische Philharmonie. Sorgen doch gerade diese Orchester kontinuierlich das ganze Jahr über für eine „musikalische Grundversorgung“ ihrer Region.

Schön, dass die Laienorchester nicht unerwähnt sind, z. B. die Orchestervereine in München, Passau und Regensburg sowie die Hochschulorchester. Auch der Chorlandschaft ist ein Kapitel gewidmet. Die Festivals von den Tagen Alter Musik in Regensburg über die Münchener Biennale und die Europäischen Wochen Passau bis zu Rock im Park sowie  das Münchner Olympiastadion als Ort der bayerischen Musikgeschichte werden gewürdigt.

Fragen zu Identität und Heimat

Am Ende wird nach dem „bayerischen Klang“ gefragt und viel subsummiert – von der Volks- und Blasmusik bis zum Musikkabarett. Da scheint die Auswahl doch sehr willkürlich und orientiert sich an den Fernsehgrößen des BR. Als die unverwechselbar „weibliche Stimme“ in der bayerischen Kabarettlandschaft wäre da aber Musikkabarettistin Lisa Fitz zu nennen, die seit rund 50 Jahren mit der Gitarre und einer Vielzahl von Programmen auf der Bühne steht – und nicht eine monoton singende Hausfrau.

Mit dieser Aussage hat Autor Markus Eberhardt wohl sehr recht: Dass alle musikalischen Formationen, die er nennt, ein gemeinsames Anliegen verbindet: „Sie wollen nicht nur unterhalten, sondern ihrem Publikum auch kritische Fragen zu den Konzepten von Identität und Heimat stellen, und das in einer Zeit, in der das ,Bayerische‘ oft zur reinen Folklore reduziert wurde bzw. immer noch wird.“

Im Vorwort versprach Markus Eberhardt eine „Tour d’Horizon“. Dieser Streifzug durch die bayerische Musikgeschichte ist ihm bestens gelungen. Er hat die Haltestrecken klug ausgewählt, erzählt flüssig und spannend, auch weil er die Musikgeschichte in die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen einbettet. Wer nach diesem lebendigen und kenntnisreichen Überblick, der in jeder Handbibliothek eines Musikfreundes stehen sollte, mehr wissen will, kann anhand der gut sortierten Bibliografie vertieft weiterlesen.

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Markus Eberhardt, Kleine Musikgeschichte Bayerns, Verlag Friedrich Pustet, 180 Seiten, 16,95 Euro.

Die Buchvorstellung findet am 17. Juni um 18.30 Uhr im Konzertsaal der Europäischen Wochen, Nibelungenplatz 5 in Passau statt. Nur mit Anmeldung unter: einladung@pustet.de