„Two of one Blood“: Uraufführung in München
Musikalisch ist die Geschichte ein Ereignis
Zwei Sarkophage in Westminster Abbey in London: In den letzten Ruhestätten aus Marmor liegen zwei Königinnen, links Elizabeth Tudor von England, rechts Mary Stuart von Schottland. Eine schwebende Kirchenarchitektur verbindet die beiden Denkmäler, ansonsten ist der Raum ein klinisch weißes Labor- (Bühne: Étienne Pluss). Wissenschaftler in Schutzanzügen wuseln um die Särge, öffnen den von Mary Stuart, entfernen einen Knochen und eine Krone. Forschung macht also einen neuen Blick auf die Geschichte möglich.
Es ist die Geschichte von zwei Königinnen. Sie stammen aus demselben Land, sind von derselben Insel und vom selben Blut. Sie werden zu erbitterten Rivalinnen. Die Geschichte um den Kampf der Kronen endet tödlich, wie wir wissen. In der Realität, in der Literatur bei Friedrich Schiller, Stefan Zweig, Elfriede Jellinek und in der Musik bei Gaetano Donizetti – und jetzt Brett Dean.
Die Bayerischen Staatsoper zeigt mit „Two of one Blood“ des australischen Komponisten die jüngste Oper über die feindlichen Cousinen.
Leitmotiv ist das Kratzen von Federn
Musikalisch ist die Oper ein Ereignis: Brett Dean hat ein Tableau für ein großes und ausdifferenziertes Orchester entworfen; dazu kommt noch elektronische Musik und ein Klangspektrum, das eingespielt wird. Und: Es gibt ein Leitmotiv, das sich durch die gesamte Oper zieht: Das Kratzen von Federn auf Pergament. Um diesen Rhythmus dreht sich alles. Er strukturiert das Werk, denn die Königinnen schreiben sich Briefe.
Zwei großartige Sopranistinnen

Brett Dean behandelt die beiden musikalisch gleichrangig: Zwei Sopranistinnen singen die Königinnen – und sie klingen wunderbar unterschiedlich: Mary ist für eine sehr lyrische Stimme komponiert. Vera-Lotte Boecker interpretiert diese Partie sehr überzeugend und mit großer Flexibilität in der Stimme. Ihre emotionalen Ausbrüche berühren ebenso wie das Gebet vor der Hinrichtung. Schöne und große Gesangslinien sind ihre Stärke. Für ihre Gegnerin Elizabeth fordert der Komponist eine dramatisch-heldische Stimme. Dies kann die südafrikanische Sopranistin und Wagner-Sängerin Johanni van Oostrum bestens erfüllen. Johanni van Oostrum gestaltet ihre Elizabeth mit kalter Herrscherpose, aber doch auch echten Zweifeln. Sie muss sich nicht nur gegen ihre Rivalin, sondern auch die Männerwelt durchsetzen. Die Musik, die ihr der Komponist zugedacht ist sperrig, was sie mit großer Präsenz meistert.
Ja, der Abend wird von diesen beiden großartigen Sängerinnen geschultert. Jeder dieser Hauptfiguren steht ein fünfstimmiges Vokalensemble bei: Elizabeth wird von einer Männerriege (Lords) umgeben, Mary von Frauen (Hofdamen).
Moderne Musik und Renaissance-Klänge
Brett Dean verwebt seine moderne Musik mit Klängen der Renaissance, so zum Beispiel Robert Carvers „Missa dum sacrum mysterium“ und John Bulls „Walsingham Variations“. Er lässt auf der Bühne ein weißes Cembalo spielen – Elizabeth hat selbst Cembalo gespielt. Cembalist Mahan Esfahani schafft ruhige Momente, die der Klangwucht insgesamt entgegenwirken.
Vladimir Jurowski steht am Pult des Bayerischen Staatsorchester und weiß die Wirkungsmacht dieser Musik sinnlich und packend und mit Liebe zum Detail zu entfalten. Vom Balkon aus kann man sein temperamentvolles Dirigat miterleben.
Kraftvolle Bilder und gute Personenregie
Auch Regisseur Claus Guth ist es zu verdanken, dass dieser Opernabend ein großartiger wird. Denn die Schwachstelle an dieser Produktion ist das Libretto von der Ehefrau des Komponisten, Heather Betts. Die studierte Bratschistin und Malerin von Opernsujets, schrieb erstmals ein Libretto unter dem Motto „Dokumentarische Oper“. Das heißt, sie hatte viel recherchiert und baute ihren Text ausschließlich auf geschriebenen Dokumenten auf. Also keine Liebschaften der Stuart- oder der Tudorkönigin. Kein Leicester, der Marias und Elizabeths Liebhaber gleichzeitig ist. Keine dramatische Begegnung der Königinnen im Park von Schloss Fotheringhay.
Trotz der Ermordung von Vertrautem und Ehemann Marys sowie der Geburt eines Kindes gibt es wenig dramatische Handlung auf der Bühne; dafür umso mehr innere Monologe der beiden königlichen Cousinen, die sich beide auf ihr Königtum berufen; Mary durch Geburt; Elisabeth spricht von Gottesgnadentum.
Gluth geht mit kraftvollen Bildern über die Schwäche des Librettos hinweg. Dafür erhalten die beiden Frauen großen Raum. Jede Königin hat ihre Seite auf der Bühne; jede einen Thron, Elizabeth einen prächtigen, Mary einen einfacheren. Die Kostüme (Ursula Kudrna) sind historisch. Elizabeth trägt natürlich den Tudor-Kragen. Anmutig sind die Schottenkaros von Marias Hofdamen, einmal in Rot und dann in Schwarzgrau.
Sensationell inszenierte Hinrichtung
Sensationell inszeniert ist die Hinrichtung: Die Bühne ist in Blutrot getaucht. Maria schreitet in einem roten Kleid zur Hinrichtung. Der Richtblock schiebt sich vor ihr hoch. Sie vergibt Elizabeth – der Kopf verschwindet. Das alles bei Trommelmusik auf der Bühne und einem wundervollen Crescendo, das in die Musikgeschichte eingehen wird.
Claus Gluth, der da ist, obgleich dieser Abend keine Premiere ist, sitzt in meiner Reihe auf dem Balkon. Er sei neugierig auf die Reaktion des Publikums und gehe gern in die Vorstellungen. Am Ende ist er zufrieden und glücklich – und holt sich zusammen mit den Sängern, Musikern und Dirigenten auf der Bühne den enthusiastischen Applaus ab.
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Weitere Vorstellungen: 27. Und 29. Juni, 3., 8. und 11. Oktober im Bayerischen Nationaltheater.